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Willkommen in Wellville

The Road to Wellville. USA 1994. R,B: Alan Parker. K: Peter Biziou. S: Gerry Hambling. M: Rachel Portman. P: Columbia. D: Anthony Hopkins, Bridget Fonda, Matthew Broderick, John Cusack u.a.
115 Min. Pandora ab 1.12.94

K(r)ampf der Verstopfung

Von Jutta Klocke Dr. John Harvey Kellogg, Miterfinder der legendären Frühstücksflocken, Ernährungsbewußtseinsfanatiker und deshalb ehedem Leiter des Battlecreek Sanatoriums, würde sich wahrscheinlich im Grabe umdrehen, wüßte er um die Art und Weise, auf welche sich Willkommen in Wellville seinem Lebenswerk nähert. Zugegebenermaßen bietet seine Überzeugung, das menschliche Wohlbefinden resultiere einzig und allein aus einer funktionierenden Verdauung, durchaus eine perfekte Angriffsfläche. Auf der tobte sich bereits T.C. Boyle in seiner Romanvorlage aus, und auch Alan Parkers filmische Umsetzung zeigt nicht gerade ein hohes Maß an Respekt vor dem Vater der Zerealie.

Am Anfang des letzten Jahrhunderts bevölkert ein illustres Figurenensemble das idyllisch in den Wäldern Michigans gelegene »San« – angereist zur kollektiven Entschlackungskur, die dem Körper wie der Psyche Reinigung verspricht. Da sind die Reichen, die den Aufenthalt eher zum gesellschaftlichen Amüsement nutzen, oder die wirklich Gläubigen, die all ihre Hoffnungen auf den persönlichen Seelenfrieden in die Hände des drastischen Doktors legen. Und da sind die Zweifler, die hilflos den absurden Methoden und ihren – bisweilen unbeabsichtigt tödlichen – Folgen gegenüberstehen. Schon allein aus dieser Konstellation ergeben sich jede Menge komisch-grotesker Verwicklungen. Der zusätzliche Handlungsstrang um einen verzweifelten Jungunternehmer, der ein ehrliches Geschäft aufbauen will und durch seinen windigen Partner in dubiose Machenschaften gerät, verpaßt dem Film einen schnelleren Rhythmus und den noch fehlenden Schuß Spannung.

Das Resultat ist eine äußerst skurrile Handlung, die so sehr verdichtet ist, daß man als Zuschauer schon fast gar nicht mehr Schritt halten kann. Die Komik beschränkt sich zwar in erster Linie auf die eben doch nicht so einwandfrei funktionierende Verdauung und das Hervorbrechen der zu unterdrückenden Libido der Kurgäste. In ihrer satirischen Überspitzung begibt sie sich aber eben nicht auf das Niveau des Fäkalhumors aktueller US-Teeniefilme à la Scary Movie. Das mag wohl vor allem an der unverkennbaren Herkunft Parkers liegen, der hier wieder einmal beweist, daß der Brite auch reichlich derben Humor stilvoll präsentieren kann.

Überhaupt wirkt alles an Willkommen in Wellville, von der Figurenzeichnung über die filmischen Gags bis hin zur Ausstattung, äußerst britisch. Einzig der ungezügelte Überschwang, mit dem die Handlung präsentiert wird – das detailverliebte Set Design, die unbeschwerte Musik und die Situationskomik selbst noch im Hintergrund einer Szene – mag für die eher zurückhaltenden Briten untypisch sein. Parker schafft damit aber ein reines Sehvergnügen, ohne seine Geschichte gänzlich einer sinnfreien Albernheit preiszugeben. Denn wie kurios die Protagonisten auch erscheinen mögen, so entbehren sie doch nicht einer gewissen Tragik, die der Komik des Films eine weitere Ebene beschert.

Und da wir an ihrem Schicksal durchaus Anteil nehmen, befriedigt das Happy End, das manchen von ihnen vergönnt ist, obwohl das nach all den vorangegangenen Entgleisungen dann doch nur wieder in ganz und gar geregelte Bahnen führt. Gegen die traditionellen Werte der Familie kann eben kein kurzlebiger Trend bestehen, und sei er auch noch so erquicklich. Dr. Kellogg mag trotzdem in Frieden ruhen: Seine Idee des täglichen Paraffin-Einlaufes oder der Elektroschockbehandlung während des Sitzwannenbades mögen inzwischen aus der Mode gekommen sein, aber sein Geist lebt in Millionen von milchgetränkten Maisflocken weiter. 1970-01-01 01:00
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