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Warnung vor einer heiligen Nutte

BRD/I 1970. R,B,D: Rainer Werner Fassbinder. K: Michael Ballhaus. S: Franz Walsch, Thea Eymèsz. M: Peer Raben. P: Nova Entertainment, Antitheater-X-Film. D: Lou Castel, Eddie Constantine, Hanna Schygulla, Marquard Bohm u.a.
103 Min. Filmverlag der Autoren ab 2.4.92

Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein

Von Judith Bömer, Carl-Albert Heller Fassbinders erster Schlüsselfilm zu seinen privaten wie professionellen Obsessionen zieht eine Bilanz nach 8 Spielfilmen und richtet die Fassbinder-Factory neu aus: als Traumfabrik für den Meister. Ein Filmteam wartet in einem spanischen Hotel auf den amerikanischen Hauptdarsteller und den deutschen Regisseur. Das Geld ist ausgegangen. Langeweile, Hysterie und der horror vacui sind König. Als die fehlenden Ingredienzen eintreffen, entsteht ein leicht entzündlicher Cocktail aus Liebe, Haß, Sex, Gewalt und Machtspielchen – der Regisseur Jeff ist in seinem Element. Als er das Ganze zum Entflammen bringt, können die Dreharbeiten beginnen: Nun regiert der Film, die »heilige Nutte«.

Während in Truffauts Amerikanischer Nacht die Regentschaft des Films idyllische Züge trägt, herrscht bei Fassbinder der Regisseur – Lou Castel als »blonde Bestie«, ein optischer Anti-Fassbinder – über sein Team als wütender Despot. Inmitten von Brüllorgien, Besäufnissen und bunten Bettgeschichten thronend, zieht er spinnengleich die Fäden in seiner kleinen Künstler-Kolonie.

Auf den ersten biographischen Blick läßt sich Warnung vor einer heiligen Nutte als anekdotische Abrechnung mit den chaotischen Dreharbeiten zu Fassbinders Sauerkraut-Western Whity in Almeria lesen, auf den zweiten Blick auch als erste Zäsur in seinem Werk. Der Film markiert das Ende von Fassbinders cinéma brut, der kleinen billigen Gangster-Dramen wie Götter der Pest, und der Milieufilme wie Katzelmacher. Mit Eddie Constantine ist ein internationaler Star am Start, und Michael Ballhaus an der Kamera prägt hier zum ersten Mal entscheidend den Stil, der für die folgenden artifiziellen Melodramen wie etwa Martha mit ihren hochkomplexen Kamerabewegungen charakteristisch sein wird.

Darüber hinaus jedoch ist der Film auch ein intelligenter Diskurs über das Verhältnis von Leben und Film sowie die Rolle des »Autors« im kollektiven Medium Film. Mit Warnung vor einer heiligen Nutte schwingt sich Fassbinder endgültig auf vom primus inter pares des Antitheater-Kollektivs zum Spielleiter, der das Team, hier in der Persona seines filmischen Alter ego Jeff, dominiert und antreibt. Vampirgleich saugt er seine Mitarbeiter aus und fühlt sich doch selbst ausgebeutet von der Gruppe (in der Fassbinder selbst, unschuldig im weißen Anzug, den Produktionsleiter spielt). Wenn Jeff gleichsam als Schöpfergott mit dem Hubschrauber vom Himmel herabschwebt, um mit seinem künstlerischen Feuer das explosive kreative Potential seines Teams zu entzünden, so ist dies auch ein nur leicht ironisch gebrochenes Selbstbild des Autorenfilmers Fassbinder.

Die beispiellose Symbiose zwischen Leben und Film bei Fassbinder findet in Warnung vor einer heiligen Nutte ihren Ausdruck in der Bearbeitung seiner Lebensthemen: der Ausbeutbarkeit von Gefühlen und den Liebesbeziehungen als Machtverhältnissen. Geld und Sex, Liebe und Arbeit, Gefühle und Macht sind die Produktionsmittel sowohl des »Films im Film« als auch von Fassbinders eigenen Werken. So wird das dem Film vorangestellte Zitat aus »Tonio Kröger« – »Ich sage ihnen, daß ich es oft sterbensmüde bin, das Menschliche darzustellen, ohne am Menschlichen teilzuhaben« – zur Klammer zwischen dem Leben des »genialen Monsters« Fassbinder und seinem Werk, der »comédie humaine« des deutschen Nachkriegsfilms.

Fast ganz nebenbei ist ihm mit diesem Film eine seiner wenigen dunklen Komödien gelungen. Jeffs fast schon wieder rührend kindliche Wutausbrüche, Kurt Raab mit Dauerwelle, an der Theke Kirchenlieder singend, oder der kollektive Cuba-Libre-Rausch als Running Gag sind Momente großer, ergreifender Komik eines Künstlers, der es ernst meinte. In dem Haus, das Fassbinder sich aus seinen Filmen bauen wollte, wäre Warnung vor einer heiligen Nutte Arbeitszimmer und Partykeller zugleich. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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