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Vier Frauen und ein Mord

Murder Most Foul. GB 1964. R: George Pollock. B: David Pursall, Jack Seddon. K: Desmond Dickinson. S: Ernest Walter. M: Ron Goodwin. P: MGM. D: Margaret Rutherford, Ron Moody, Charles Tingwell, Dennis Price u.a.
90 Min. MGM ab 4.7.65

Bedtime Stories

Von Manuela Brunner Ich war mit ihr im Bett. Und ich habe sie auch an zahlreiche andere Orte mitgenommen: ins Schwimmbad, auf Reisen und in die Schule. Es war eine ganze Reihe schwarz gebundener Bücher, die aufgereiht in der hintersten Ecke der Bibliothek standen, und ich habe sie alle gelesen. Später erst lernte ich ihr Gesicht kennen. Erstaunlicherweise mußte Margaret Rutherford nie in den stillen Konkurrenzkampf mit der Jane Marple in meinem Kopf treten, der sonst das traurige Los vieler Romanfiguren und der neuralgische Punkt vieler Literaturverfilmungen ist.

»The Dame« lenkt ihre Figur an seidenen Fäden, so daß Agatha Christies große Detektivin selbst zwischen den schwarzen Buchdeckeln hervorgekrochen zu sein scheint. Ein Punkt ist bestimmt die relative Unbelastetheit von Margaret Rutherfords Gesicht – trotz des Oscars für Hotel International. Ein weiterer Punkt ist die liebevolle Hand, mit der David Pursall und Jack Seddon die alte Lady auf Leinwandformat getrimmt haben. Die Story basiert auf dem Roman »Mrs McGinty's Dead«, und beginnt mit der Geschworenen Miss Marple, die in der Jury sitzt, welche den Untermieter des Mordes an besagter Mrs McGinty schuldig sprechen soll. Nur kommt die Jury zu keinem einstimmigen Urteil – »Der Mörder ist nie der Untermieter!«, beharrt sie, störrisch wie immer.

So schließt sich Miss Marple als Undercover-Ermittlerin einer Schauspieltruppe an, und die Verdächtigen wechseln in schön gleichmäßigem Takt bis zur Überführung von… aber halt! Es soll ja immer noch Zeitgenossen geben, die als Erstseher oder Wiederseher aktiv mitraten, so wie ich damals mit meinen kleinen grünen Zetteln, die ich als Lesezeichen in die Bücher legte, und auf denen ich meine eigenen Vermutungen notierte. Die vier Miss Marple-Filme haben mittlerweile keinen Denksport-Wert mehr für mich, sondern sind das filmische Äquivalent zur oft und gern gehörten Gutenachtgeschichte. Wenn die ersten Takte der wohlvertrauten Musik erklingen, ist es Zeit, sich ins Bett zu kuscheln und ein Stück klassisch-britischer Ermittlungsarbeit zu genießen. 1970-01-01 01:00
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