Das eigene Glück
Von Patricia Weiß
Chloé will in Urlaub fahren, ihr erster Urlaub seit drei Jahren. Alles ist erledigt – die Fahrkarte ist bestellt und abgeholt, der Paß verlängert – nur eine Unterkunft für ihre geliebte Katze Gris-gris hat sie noch nicht gefunden. Freunde, die ihr diesen Gefallen tun könnten, gibt es nicht und ihr schwuler Mitbewohner Michel hat dankend abgelehnt. Schweren Herzens überläßt sie ihre Katze der schrulligen alten Madame Renée. Doch als Chloé zurückkommt, ist Gris-gris verschwunden. Die Suche beginnt…
Chloé lebt in Paris, der Stadt der Liebe und der Mode. Sie ist groß, jung, schlank, schön und arbeitet als Visagistin – Gründe genug, um glücklich zu sein, könnte man meinen. Doch für beides, für die Liebe und für die Mode, ist sie ein bißchen zu blaß, zu schüchtern, zu unsicher. Sie erinnert dabei an eine neuere Dame des französischen Films: Amélie Poulain. Neben den rein äußerlichen Gemeinsamkeiten – langes dunkles Haar, große Augen und klobiges Schuhwerk – haben sie auch das gleiche Problem: Sie sind einsam. Chloé versteht es nicht wie Amélie, sich ihr Einsiedlerdasein bunt zu malen. Trotzdem ist sie, im Gegensatz zu ihrer Leidensgefährtin, nur unter Zwang bereit, dies aufzugeben.
Der Satz von Madame Renée – »Menschen haben mich schon oft enttäuscht, meine Tiere noch nie« – könnte auch von Chloé sein, denn Gris-gris ist das einzige Wesen, das ihr etwas bedeutet. Durch den Verlust ihrer Katze beginnt Chloé, sich mit sich selbst und ihrer Umwelt auseinanderzusetzen.
Der Film beginnt mit dem Song »Food For Love«, so ist die Suche nach ihrer Katze letztlich auch die Suche nach Liebe und ihrer eigenen Identität als Frau. Während sie zu Beginn des Films ihre Weiblichkeit noch zu verstecken versucht und die männliche Begierde eher als Bedrohung empfindet, durchlebt sie im Verlauf des Films eine Wandlung. Durch die Suche nach ihrer Katze macht sie einen Schritt hinein ins Leben. Sie trifft auf die unterschiedlichsten Menschen und deren Strategien, mit der Einsamkeit, der Sexualität und der Liebe klarzukommen.
Im letzten Lied, das in der Schlußeinstellung des Films zu hören ist, heißt es dann »Give me a reason to love you, give me a reason to be a woman«. Letztendlich, das hat auch Chloé begriffen, sucht jeder sein Glück.
1970-01-01 01:00