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Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse

BRD/F/I 1964. R: Hugo Fregonese. B: Ladislas Fodor. K: Riccardo Pallottini. S: Alfred Srp. M: Carlos Diernhammer, Oskar Sala. P: CCC, Franco-London, Serena. D: Peter van Eyck, O.E. Hasse, Yvonne Furneaux, Rika Dialina, Walter Rilla, Ernst Schröder, Dieter Eppler, Leo Genn u.a.
109 Min. Gloria ab 18.9.64

Wissen ist Macht

Von Oliver Baumgarten Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse ist der letzte Teil des Mabuse-Revivals der 1960er Jahre. Angefacht hatte es Fritz Lang selbst, als er 1960 mit Die 1000 Augen des Dr. Mabuse jene Figur wieder zum Leben erweckt hatte, mit der er zuvor in den 1930er Jahren so große Erfolge feiern konnte. In Deutschland bis heute verkannt, gelangte Langs letzter Film vor allem in Frankreich zur gebührenden Reputation. In der Konstellation eines mit Kameras präparierten Hotels, mit deren Hilfe Dr. Mabuse die für seine Machtbestrebungen nötigen Informationen erhält, entwirft Fritz Lang einen clever umgesetzten futuristischen Albtraum, der sich heute angefangen vom »Großen Lauschangriff« bis hin zu »Big Brother« und der lückenlosen Kameraüberwachung öffentlicher Plätze längst bewahrheitet hat. Neben diesem frühen Beitrag zum moralischen und politischen Mediendiskurs leistete Lang mit seiner kassenträchtigen Wiederbelebung des Dr. Mabuse filmhistorisch zudem dem Superverbrecher im europäischen Film der 1960er Vorschub. Betrachtet man sich den erst 1962 entstandenen ersten Bond-Film Dr. No, so wird die Vorbildfunktion Langs mehr als deutlich. Neben Setting und Ausstattung des Films, erweist sich besonders die Motivation und dramaturgische Anlage von Dr. No im Vergleich zu Dr. Mabuse als frappierend. Das Machtbestreben, das etwas später im europäischen Mainstreamfilm der 1960er auch Figuren wie Blofeld, Dr. Fu Man Chu oder Fantomas auszeichnet, weist auf eine neue Qualität filmischen Verbrechens. Wissen ist Macht, und Dr. Mabuse zeigte mit seinen 1000 Augen nachdrücklich, wie dieses Wissen zu erlangen ist.

Drei Filme und viele europaweit eingespielte Millionen später ist die Serie dann mit Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse zum Stillstand gekommen. Nur knapp vier Jahre nach den 1000 Augen und knapp zwei Jahre nach Dr. No gelang es Regisseur Hugo Fregonese und der Koproduktion aus Berlin, Paris und Rom nicht mehr, für das vergleichsweise kleine Budget von 1,8 Mio. DM einen Genre-Action-Film herzustellen, der nur annähernd mit dem konkurrieren konnte, was in London unter dem Label »James Bond« hergestellt wurde. Und schaut man sich Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse heute an, so wird diese Referenz schon allein auf der Ebene des Plots eindeutig klar: Der smarte, aber etwas angestaubte Peter van Eyck spielt hier nämlich tatsächlich mit Major Bob Anders einen britischen Geheimagenten, der auf die Spur eines »Mad Scientist« gesetzt wird, der mit Todesstrahlen aus dem Weltall die Weltherrschaft erlangen möchte. Ein Bond-Plot also mit einer Fallhöhe, die produktionstechnisch nur mit ganz hohem Aufwand zu lindern gewesen wäre.

Aus heutiger Sicht hingegen steht Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse als perfektes Beispiel für ein mittlerweile vierzig Jahre altes europäisches Kino, das sich reaktionsschnell und in länderübergreifenden Produktionen den Bedürfnissen eines Publikums anzupassen vermochte – ganz ähnlich also, wie es Hollywood perfektioniert hatte und noch heute erfolgreich pflegt. Für einen internationalen Markt gedreht, stehen mit Peter van Eyck, O.E. Hasse, Walter Rilla, Ernst Schröder und Wolfgang Preiss übrigens fünf deutsche Filmstars auf dem Filmplakat ganz oben – eine erstaunliche Tatsache auf den ersten Blick – ein lustiger Fake aber auf den zweiten. Denn Walter Rilla und Wolfgang Preiss waren zwar groß angekündigt, aber letztlich kaum zu sehen (Preiss gar nur in einem alten Filmausschnitt). Die angekündigten Namen, die beide bereits zuvor Mabuse gespielt hatten, sollten – so Produzent Brauners Kalkül – bei Kennern der Reihe Verwirrung stiften und damit zum Anschauen animieren. 1970-01-01 01:00
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