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Tatjana – Take Care Of Your Scarf

Pidä huivista kini, Tatjana. FIN 1994. R,B,S: Aki Kaurismäki. B: Sakke Järvenpää. K: Timo Salminen. P: Sputnik Oy. D: Kati Outinen, Matti Pellonpää, Kirsikka Tykkyläinen, Mato Valtonen u.a.
62 Min. Pandora ab 7.7.94

Rundreise im Polarkreis der Gefühle

Von Thomas Warnecke Mit Tatjana hat Kaurismäki sozusagen das Destillat seiner bis dahin geschaffenen Filme gedreht: Ein seltsam zeitlos anmutendes Roadmovie, dessen schwermütige Helden ohne ein Ziel vor Augen durch eine ebenso schwermütige Landschaft fahren, die Bekanntschaft zweier Frauen machen, ohne sie wirklich kennenzulernen, vor allem aber ständig Kaffe oder Wodka trinken. So werden die spärlichen Requisiten des Films – die Kaffeemaschine, der Schallplattenspieler, der alte schwarze Wagen der Marke Wolga – zu Hauptdarstellern, die sich von ihren menschlichen Pendants nur dadurch unterscheiden, daß sie nicht sprechen können. Doch von dieser Möglichkeit machen Reino und Valto (Matti Pellonpää und Mato Valtonen) ohnehin kaum Gebrauch, und in seinem letzten Film Juha (1998) hat Kaurismäki dann vollständig auf gesprochene Worte verzichtet.

Worüber auch sollten sich Reino und Valto unterhalten; wenn das Ziel egal ist, braucht man sich über den Weg nicht zu verständigen. So kann Valto seiner Frau anfangs auch nicht erklären, wohin er aufbrechen will, weshalb er sie einfach zu Hause einsperrt. Und später, mit den beiden Anhalterinnen Tatjana und Klavdia (Kati Outinen, Kirsikka Tykkyläinen) ist Verständigung nicht möglich, weil sie nur Russisch sprechen. Film ist eben kein Hörspiel. Wieviel Emotion sich aber auch mit solchem Minimalismus erzeugen läßt, beweist Kaurismäki in dieser einstündigen Rundreise im Polarkreis der Gefühle, den die Einöde der finnischen Wälder als weiterer Teil dieses Universums aus Menschen und Dingen darstellt. Wenn Reino und Klavdia im Hotelzimmer alleine sind, gewinnt die Szenerie eine scheue, hilflose Erotik, die sich, wie eigentlich alles, was wesentlich ist in Tatjana, nicht in Worte fassen läßt - und ihrer auch gar nicht bedarf. Wenn Valto sich ein andermal zudringlichen Rockern entgegenstellt, tut er dies mit einer Ritterlichkeit, die fast rührend wirkt, wie überhaupt der Film durchzogen ist von einer Sentimentalität, die aber mit der Kaurismäki-typischen Lakonie gepaart eine Komik ergibt, die Kaurismäki in die Nähe der großen hilflosen Schweiger des Kinos, Buster Keaton etwa und Jacques Tati, rückt.

Matti Pellonpää, das nordische Betongesicht aus so vielen Kaurismäki-Filmen, der traurige Taxifahrer aus Jim Jarmuschs Meisterwerk Night on Earth (1991) ist hier übrigens in seiner letzten Filmrolle zu sehen. 1995 ist er für immer verstummt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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