— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Schnitte in Zeit und Raum

D 2006. R,B,S: Gabriele Voss. K: Christoph Hübner. P: Christoph Hübner Filmprod. D: Alexander Kluge, Beate Mainka-Jellinghaus, Mathilde Bonnefoy, Bettina Böhler, Peter Przygodda u.a.
75 Min.

Lob des Fragments

Von Maike Schmidt In der filmtheoretischen Auseinandersetzung fing ein Diskurs über die Montage, über den Filmschnitt schon früh an. Gerade die russische Avantgarde der Filmkunst – allen voran Sergej Eisenstein und Vsevolod Pudovkin – wollten hier das eigentliche Augenmerk und den wirklichen Kern jeglicher Filmkunst zu finden wissen. Nicht minder darf sich das handwerkliche Können nicht dem eigentlichen Kunstanspruch an den Film versperren bzw. umgekehrt solle, so Elfie Krüter, Editorin, das Schneiden doch bitte nicht als technischer Beruf angesehen werden.

Was ist dann Montage oder (engl.) Editing? Interpretation, Kommentar, semantischer Zusammenhang, Aufrechterhalten von Interesse? Diese Fragen will der Film Schnitte in Zeit und Raum beantworten. In Einzelgesprächen wird mit 10 Filmemachern, Editoren und Soziologen die Kunst des Schnittes in den Vordergrund gerückt, wobei der Film selbst diese in der Umsetzung der Interviewszenarien kaum verwendet. Mit unbeweglicher Kamera wird der jeweilige Gesprächspartner in seinen Gedanken getragen, ohne daß es zu einem Eingriff kommen würde. Nur ein jeweiliger Ausschnitt aus dem beruflichen Werk des Editors wertet die dokumentarische Ebene abwechslungsreich auf. An einem Beispiel sei nun eben besser erkannt, was vorher noch theoretisch erklärt.

Das, was den Film als immanentes Moment trägt, ihn zu dem macht, was sich einem breiten Publikum schließlich bieten wird, wird hier also zum Thema. Dabei geht es kaum um den technischen Bereich, sondern um das, was sich in den Köpfen dieser »Handwerker« abspielt. Wird ein Film gedreht, so ist er laut Mathilde Bonnefoy (Editorin für Tom Tykwer) 3 Monate lang. Soviel Material, soviele Einstellungen, so viele Geschichten, die sich mit jeder Entscheidung für eine der vielen gedrehten Sequenzen ergeben können, sollen gebrochen werden, auf einen Moment filmischen Ergebnisses. Ist der Film nun die Arbeit des Drehbuchschreibers, des Regisseurs oder des Editors? Wer bildet den Rahmen, und wer macht die Feinarbeit? Was ist filmisches Material und wie ist es zu verwenden? Wo und wann beginnt die Auswahl?

Unterschiedliche Ansätze werden hier geboten, beruhend auf Erfahrung, auf emotionaler Erschließung und auf wissenschaftlicher Basis. Dabei bleibt die Antwort das Konglomerat von 10 verschiedenen Meinungen, die sich – wie die Schneidearbeit selbst – aus der Subjektiven der Filmemacher ergeben haben. Das, was der Zuschauer hier über die Postproduktion eines jeden Films erfährt, läßt sich, da es durch das behandelte, thematisierte Medium vermittelt wird, wieder in einer nur interpretierbaren und somit kaum substantiellen Dimension rezipieren. Das ist interessant und macht die Dokumentation zu einer vielschichtigeren filmischen Erfahrung als der erste Blick es zulassen würde. Sich den Theorien über Montage zu nähern, bedeutet dann immer auch, seinen Gedankengang in Fragen über Realität und filmische Wirklichkeit kulminieren zu lassen. Dies spiegelt sich zwar nicht in dieser Dokumentation in Gänze wider, blickt aber in der fraglichen Genese immer wieder durch. Interessant bleibt dieser Film dann nicht in seiner Präsenz, sondern in seiner Essenz. Und wer sich auch nur ein bißchen für das filmische Medium interessiert, der darf diesen Einblick nicht missen, denn schon Pudovkin wußte: Die Entwicklung der Montage ist der Weg in die Zukunft der Filmkunst. 1970-01-01 01:00
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