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Der Schneider von Ulm

BRD 1978. R,B: Edgar Reitz. B: Petra Kiener. K: Dietrich Lohmann. M: Mikos Mamangakis. S: Siegrun Jäger, Evelyn Schmidt. P: Edgar Reitz-Peter Genée-Filmproduktion, ZDF. D: Tilo Prückner, Vadim Glowna, Hannelore Elsner, Dieter Schidor, Harald Kuhlmann, Marie Colbin u.a.
120 Min. ab 19.12.78

Der Traum vom Fliegen

Von Sascha Seiler Der Traum vom Fliegen: Wie ein Berserker versucht der junge Schneider Berblinger seine Vorstellung vom »Menschenflug« in die Realität umzusetzen. Sein Konstrukt wirkt ebenso abenteuerlich wie seine Ideen, doch scheint er nach zahllosen verunglückten Versuchen damit Erfolg zu haben. Zur Musik von Edgar Reitz' Hauskomponist Mikos Mamangakis erhebt sich der junge Berblinger schließlich doch in die Lüfte und ist für einen kurzen Augenblick Herrscher über die weitläufige Felderlandschaft Südbadens.

Für den Autorenfilmer Edgar Reitz schien die Idee, einen historischen Stoff aufzugreifen und ihn in technischer Perfektion filmisch umzusetzen, nach seinen in den 60er und 70er Jahren entstandenen Vergangenheitsbewältigungs-Dramen ein gewagter und vor allem unerwarteter Schritt zu sein. Ein Vertreter des »Neuen Deutschen Films« dreht einen im Grunde konservativen, opulenten Kostümfilm?

Doch Reitz schien den Versuch der kinematographischen Umsetzung eines historisch verbürgten Stoffes aus dem späten 18. Jahrhundert als wahre Herausforderung für einen Filmemacher zu sehen, der zwar mit seinen Experimentalfilmen viel Lob geerntet hatte, sich selbst aber noch nicht als ›kompletter‹ Regisseur sehen wollte: »Es spielt sich nun das Experiment heute bei mir auf einem anderen Sektor ab. Nicht auf dem Sektor zum Beispiel des Ausprobierens der Kamera und der Montage.« Vielmehr gehe es darum zu verstehen, daß es ein filmisches Experiment per se sei, das Abenteuer des Lebens mit der Kamera einzufangen. Für 3,5 Millionen Mark, eine 1978 immense Summe für einen deutschen Kinofilm, realisierte Reitz schließlich seine filmische Interpretation jenes Abenteuers. Der größte Anteil des Geldes floß in die Ausstattung, die Reitz in perfektionistischer Manier überwachte. Überhaupt überschattet beim Schneider von Ulm jene Liebe zum Detail die gelegentlich etwas unzureichende Charakterzeichnung, so daß der Zuschauer an einer perfekten Rekreation des deutschen gesellschaftlichen Lebens kurz nach der französischen Revolution teilhaben kann.

Die phantastische, zu Teilen auch avantgardistische Musik von Mamangakis schafft es zudem, die malerischen Impressionen akustisch auf eine Art zu illustrieren, die dem Film in all seiner Opulenz auch noch Platz zum Atmen bereithält und gerade die Flugszenen schon beinahe wieder als Bestandteile eines Experimentalfilms erscheinen läßt.

Direkt nach dem Schneider von Ulm drehte Reitz dann die Dokumentation Geschichten aus den Hunsrückdörfern, eine Vorstudie zu seinem Opus Magnum, dem Werk, das als einer der größten deutschen Nachkriegsfilme in die Geschichte eingehen sollte, der 16-stündige Heimat. Nicht zuletzt unter diesem Aspekt lohnt es sich, den Schneider von Ulm neu zu entdecken. 1970-01-01 01:00
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