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schlittenschenken

D 2002. R,B,K,S: Oleg Tcherny. R,B: Erwin Michelberger. K: Andreas Faigle, Erwin Michelberger, Christian Schön. M: Gleb Choutov. P: Erwin Michelberger.
82 Min.

Phantasmagorie eines Lebens

Von Mark Stöhr Wer kannte Renate Neumann? Die Düsseldorfer Dichterin, die unter mysteriösen, letztlich nie wirklich geklärten Umständen 1994 gewaltsam zu Tode kam? In einem Nachruf wird sie als »schön und nicht sehr glücklich« beschrieben, als »hochbegabt und hochsensibel«.

Zu Lebzeiten wollte kein Verlag ihre Texte drucken, erst posthum erschien ein kleines Bändchen mit dem Titel »Du weckst die Nacht«. Eine dieser dort versammelten Prosa-Miniaturen trägt den Namen »Aus Trauer erdacht« und kann gelesen werden wie ein Requiem auf das eigene Sterben und Beerdigt-Werden. Auch, wenn man so will, als literarische Instrumentierung von Erwin Michelbergers und Oleg Tchernys Film schlittenschenken, der die flüchtigen Konturen dieses nicht zu Ende gelebten Lebens zu fassen versucht. »Weggefegt durch Betriebsamkeit«, schreibt Renate Neumann, »die schwarzen Schleier vor den Augen.« Und weiter: »Der Tod ist unfaßlich. Blei sinkt schwer zu Boden. Aus dem off kommt die Stimme, die eine bessere Dramatisierung fordert. Unglaublich zerbrechlich diese kleine zierliche Frau, die bis auf die Knochen abgemagert ist. Weggetreten die Zuhörer. Schweigen als Waffe der Trauer greift nicht in die Räder der Betriebsamkeit.«

Wer kannte Renate Neumann? Die Personen, welche die beiden Filmemacher befragen, geben vor, sie gekannt zu haben, und erheben ein betriebsames polyphones Durchkonjugieren ihrer Erinnerungen an die abwesende Protagonistin. Die Eltern sind dabei und ihre Geliebte, ihre Freundinnen aus der Schulzeit und der Literaturszene und ihre Ärztin.

Sie werden in unterschiedlichen Gesprächsrunden versammelt und durch die Montage in einem imaginären Gedächtnisraum zusammengeführt. Das ist die Nachwelt, die nicht schweigen kann und immer neue Worte ausprobiert, um sich ein Bild von der Dichterin zu machen und ihrem Leben eine kohärente Dramaturgie einzuschreiben – und sich dabei nach und nach im Ungefähren verliert. Als würde sie auf einer Straße eine Kreidezeichnung anfertigen, auf die unentwegt Regen fällt. Erwin Michelberger und Oleg Tcherny forcieren dieses Illusionsspiel mit verschiedenen Identitätsoptionen, indem sie heterogenes Material hinzufügen – Texte der Schriftstellerin, Kindheitsbilder, Aufnahmen aus Palästina –, das sich zu keinem eindeutigen Ganzen zusammensetzen läßt.

Bei der Duisburger Filmwoche 2002 wurde schlittenschenken mit dem ARTE-Preis für den besten deutschen Dokumentarfilm ausgezeichnet. In der Jury-Begründung hieß es, der Film besitze eine für das dokumentarische Arbeiten wesentliche Qualität: Nämlich zu zeigen, was es heißt, »über das Leben eines Menschen zu sprechen, ohne diesen auf anmaßende Weise zu vereinnahmen.« Am Ende bleiben phantasmagorierende Wasserzeichen eines Porträts übrig, das eigentlich keines sein will und der Person Renate Neumanns doch in verstörender Art gerecht wird. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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