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Die Reise nach Palermo

Il viaggio. I/F 1973. R: Vittorio de Sica. B: Diego Fabbri, Massimo Franciosa, Luisa Montagnana. K: Ennio Guarnieri. S: Kim Arcalli. M: Manuel de Sica. P: Champion, C.A.P.A.C.. D: Sophia Loren, Richard Burton, Ian Bannen, Barbara Pilavin u.a.
97 Min. MGM ab 31.10.74

Melodram im trügerischen Licht Siziliens

Von Thomas Warnecke »Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele, hier ist erst der Schlüssel zu allem.« Was Goethe so lapidar sagte, scheint auch auf besondere Weise auch für den Film zu gelten. Neben vielen anderen schufen hier zwei der bedeutendsten Protagonisten des Neorealismus Werke von unvergleichlicher Schönheit: Luchino Viscontis Il gattopardo von 1962 ist ein Gipfelpunkt der Filmkunst überhaupt, und Vittorio de Sica hat mit der Reise nach Palermo sein Vermächtnis als Regisseur vorgelegt; 1974, ein Jahr nach Fertigstellung des Films, starb der Schöpfer der Ladri di biciclette.

Freilich hat de Sica in den fünfundzwanzig Jahren, die zwischen diesen Filmen liegen, eine starke Wandlung durchgemacht. Schon in den 60er Jahren wandte er sich vom dokumentaristischen Stil der Nachkriegsjahre ab, der vor allem durch die freieren, weniger sozialer Problemschilderung verhafteten Filme Federico Fellinis und die kühle Ästhetik Michelangelo Antonionis altmodisch geworden war. De Sica, selbst häufig als Darsteller tätig, erwies sich als Meister der Schauspielerführung; Sophia Loren hatte bei ihm einige ihrer besten Auftritte. Mehr und mehr ist es die kunstvolle Inszenierung seiner oft konventionellen Sujets, der de Sicas Aufmerksamkeit gilt. So scheint es wie der Abschluß einer Entwicklung, wenn seine letzte Regiearbeit auch in der Geschichte vor allem die Form zum Thema hat.

Es geht um Menschen, deren Schicksal von den engen, überkommenen Moralvorschriften im Sizilien des beginnenden 20. Jahrhunderts bestimmt wird. Cesare (Richard Burton) bittet um die Hand von Adriana (Sophia Loren), allerdings nicht für sich, sondern für seinen Bruder Antonio (Ian Bannen). So hat es sein Vater im Testament gewünscht. Widerwillig fügt sich Adriana, doch fühlt sie sich zum verständigeren, einfühlsamen Cesare hingezogen, der seine ebenfalls starken Gefühle für Adriana aber unterdrückt und sich stattdessen häufig weit weg von seiner Schwägerin in Mailand aufhält. Erst als Antonio stirbt, widmet er sich Adriana, wobei er allerdings gegen das bigotte Gerede der Sizilianer zu kämpfen hat. Adriana ist in den langen Jahren ihrer unglücklichen Ehe unheilbar erkrankt, und die Erfüllung ihrer Liebe ist zugleich ihr Ende. Sie reisen ein letztes Mal gemeinsam, nach Venedig.

Ein Melodram, mehr sentimental als gesellschaftskritisch, doch ertrinkt der Film nicht in Wehmut. Vielmehr ist es der behutsamen, auf eine fast altmodische Weise taktvollen Inszenierung, die sich immer auf das brillante Hauptdarstellerduo verlassen kann, zu verdanken, daß die Geschichte nach Luigi Pirandellos Vorlage nicht zur bloßen Kostümnostalgie verkommt. Auch deuten sich immer wieder die bedrohlichen Ereignisse im Italien kurz vor dem Ersten Weltkrieg an. Die abwechselnden Schauplätze, die Landschaften Italiens hat Kameramann Ennio Guarnieri in einem gedämpften, weichgezeichneten Licht eingefangen, eine nahezu gleichbleibende Lichtführung ebnet die Personen in ihre Umgebung ein, scharfe, grelle Kontraste fehlen ganz. Vittorio de Sica hat, ein letztes Mal, einen handwerklich exzellenten Film gedreht, unter dessen harmonischer Oberfläche sich der Abgrund einer überalterten Epoche öffnet. 1970-01-01 01:00
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