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Die Rache des Dr. Fu Man Chu

Vengeance of Fu Man Chu. GB/BRD 1966. R: Jeremy Summers. B: Peter Welbeck. K: John von Kotze. M: Malcolm Lockyer. P: Constantin, Hallam. D: Christopher Lee, Wolfgang Kieling, Douglas Wilmer, Peter Carsten, Noel Trevarthen u.a.
84 Min. Constantin ab 25.5.67

Der Mongolen-Blofeld

Von Oliver Baumgarten Dr. No, Dr. Mabuse, Dr. Fu Man Chu – die Europäer schienen in den 60er Jahren ihren Akademikern nicht mehr zu trauen. In Labors von Wissenschaftlern entstandene atomare Bedrohungen waren halbwegs überwunden, technische Entwicklungen überstiegen so langsam die Aufnahmefähigkeit, und der Muff unter den Talaren begann, eine Generation zu ersticken. Die Promovierten, ehedem stolze Basis der aufgeklärten Welt, wurden der größten Schurkereien für fähig erklärt – die »Mad Scientists« hatten in den 60ern Hochkonjunktur.

Dr. Fu Man Chu, ureigentlich eine Romanfigur von Sax Rohmer, brachte es in den 60ern auf fünf Filmauftritte. Er, der seine Intelligenz an das Böse verschachert und – das ist ja heute völlig aus der Mode gekommen – stets die Weltherrschaft anstrebt, ist Mongole. Dargestellt wird Fu Man Chu in allen Verfilmungen von Christopher Lee, der in seiner herrlichen Maske so ein wenig an das Absurde eines Peter Lorre erinnert, als dieser in den 30ern mehr oder weniger glaubhaft den Chinesen Mr. Moto gab. Ein neckisches Schnurrbärtchen, die verschlagen wirkenden tiefen Lider, dazu die bunten Ethnokostüme: Christopher Lee ist in seiner filmreichen Karriere zweifellos die ulkigsten Verwandlungen durchlaufen, die er stets mit unvergleichlicher Würde zu tragen verstand. Seine sinistre Horrorfilm-Vergangenheit wurde in der Fu Man Chu-Reihe voll ausgeschöpft. Schockmomente und eine bis zum Sadismus zunehmende Härte der Filmreihe, die von Exploitation-Spezialisten wie Don Sharp oder Jesus Franco Manera forciert wurden, beziehen einen Großteil ihrer Wirkung aus der brutalen Präsenz des Zweimetermannes.

Eigentlicher Schöpfer der durchaus erfolgreichen Reihe war Harry Alan Towers alias Peter Welbeck. Towers ist eine zentrale Figur des europäischen Exploitation-Kinos, der zumeist von London aus in europäischen Koproduktionen schnell produzierten Mainstream schuf. Als Autor spürt er aktuelle Trends auf, adaptiert alles, wovon er als Produzent die Rechte erwerben kann, oder schreibt in enormem Tempo einfach Artverwandtes. Mit unterschiedlichen Produktionsfirmen (»Hallam« oder die berüchtigte »Towers of London«) realisierte er seine (meist unter dem Pseudonym Peter Welbeck entstandenen) Bücher in internationalen Koproduktionen, wobei er schon bei der Besetzung stets darauf achtete, aus jedem der finanzkräftigen Territorien gleichwertig Stars zu besetzen. Auch wenn in einer Art Etikettenschwindel dann in jedem Land die dort jeweils beheimateten Schauspieler auf dem Plakat ganz oben standen, wie klein die Rollen auch immer sein mochten, so ist ihm dennoch zu verdanken, daß in der Sparte der Exploitation Darsteller wie Marianne Koch, Heinz Drache, Marie Versini oder Peter Carsten tatsächlich für kurze Zeit europäische Stars wurden.

Die Geschäftigkeit und seine enorm schnelle Reaktion auf Filmwellen, Trends und Kassenhits macht Harry Alan Towers zu einem der umtriebigsten und sicher auch schrägsten Produzenten Europas, der bis heute etwa 80 Spielfilme produzierte und diesen zum Teil himmelschreienden Blödsinn oft auch selber schrieb. Fu Man Chu ist zweifellos ein echter Klassiker des 60er Jahre Kinos. Daß auch sein jüngstes Werk in die Geschichte eingehen wird, da bin ich mir sicher. Der Film heißt Death, Deceit & Destiny Aboard the Orient Express, Produktion und Buch von Harry Alan Towers. Keine Ahnung, worum es geht, aber: Christoph Waltz spielt Osama Bin Laden. Produktionsjahr angeblich 2001 – nur George W. Bush war schneller… 1970-01-01 01:00

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