— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Priester der Entrechteten

Daens. BEL/F/NL 1992. R,B: Stijn Coninx. B: Louis Paul Boon, François Chevallier. K: Walther van den Ende. S: Ludo Troch. M: Dirk Brossé. P: Favourite Films, Films Dérives. D: Jan Decleir, Gérard Desarthe, Antje de Boeck, Johan Leysen, Michael Pas u.a.
183 Min. MFA ab 1.9.94

Die Abgründe des 19. Jahrhunderts

Stijn Coninx malt mit seinem Film Priester der Entrechteten eine schwarz-weiße Welt in Farbe. Zwischen dem Reichtum der Großindustriellen und Staatsmänner und der unermesslichen Armut der Arbeiterklasse agiert Priester Adolf Daens (Jean Decleir) als Rebell der katholischen Kirche gegen die Ausbeutung der Arbeiter.

Ende des 19. Jahrhunderts lassen Industrialisierung und Rationalisierung die Arm-Reich-Schere immer weiter divergieren. Der grausame Tod eines Kindes am Anfang und am Ende des Films schließt den Kreis der scheinbar aussichtslosen Lage, deren einzige Lichtblicke Adolph Daens und die heimliche Liebe zwischen einem Kommunisten und einer couragierten jungen Frau sind.

Die Verfilmung des biographischen Romans von Louis Paul Bloom über die sozialrevolutionäre Arbeit von Adolphe Daens (1830-1907) wird von Stijn Coninx und seinem Stab als düstere Tragödie dargestellt. Die Peripetie des Films trifft in einem inneren und äußeren Wendepunkt von Adolph Daens zusammen. Daens Popularität unter der Arbeiterklasse, die er seinen aggressiv-ehrlichen Artikeln in einer katholischen Zeitschrift und seinen bürgernahen Predigten verdankt, gipfelt in seiner Wahl in’s Parlament. Andererseits steht sie im krassen Kontrast zur totalen Abneigung seitens der wohlhabenden Bourgeoisie und ihren stillen Verbündeten der katholischen Kirche.

Ohne Tabus werden Kinderarbeit, Missbrauch und Vergewaltigung am Arbeitsplatz, Hunger und Tod auf eine zum Teil subtile, zum Teil offensive Art und Weise durch Kameraführung (Walther van den Ende) und Szenenbild (Hubert Pouille, Allan Starski) dargestellt. Die geschickt eingesetzte, wechselnde Unschärfe am Anfangsgespräch zwischen Daens und dem Cardinal weicht zunehmend einer kalten Klarheit, die die Abgründe der Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts durchdringt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap