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Die Peitsche

The Frightened City. GB 1961. R: John Lemont. B: Leigh Vance. K: Desmond Dickinson. S: Bernard Gribble. M: Norrie Paramor. D: Herbert Lom, John Gregson, Sean Connery, Alfred Marks, Yvonne Romain u.a.
97 Min. Rank ab 10.8.62

Eine Stadt sucht einen Helden

Von Matthias Grimm Wir alle wissen, daß James Bond ein britischer Geheimagent ist. Aber so richtig bewußt ist es uns eigentlich nicht. Zu amerikanisch ist die Serie (geworden), wirklich britische Facetten zeigt die Figur allenfalls in Nuancen, die der amerikanische Durchschnittskinogänger wahrscheinlich nicht einmal versteht. Bevor Sean Connery in diese Rolle, die ihn unsterblich machen sollte, schlüpfte, drehte er mit Die Peitsche einen Film, der rückblickend gesehen genau dieses Thema zu thematisieren, es zu ironisieren scheint. Ein Problem, das nicht auf die Figur des James Bond beschränkt ist, sondern direkt auf den amerikanischen Kulturimperialismus verweist und dessen Folgen für die filmische Identität Großbritanniens.

»Chicago kommt nach London«, titelt die Presse in The Frightened City – der passendere Originaltitel der Peitsche. Dieser Satz faßt zum einen in komprimierter Form die Handlung des Films zusammen: Englische Kleingauner organisieren sich zu einem Syndikat und begeben sich damit auf das kriminelle Terrain, das den Vereinigten Staaten bestens vertraut, den Europäern dagegen fremd ist. Der Film brilliert gerade durch diesen Kunstgriff, bekannte Strukturen in einen neuen Kontext zu verlagern, in dem er einem fremd, ja beinahe fehl am Platze vorkommt. Auf diese Weise nimmt der Zuschauer das Szenario nicht als gegeben hin, sondern kann dessen Entwicklung im Detail verfolgen und nachvollziehen.

»Chicago kommt nach London«, das deutet außerdem ein kulturelles Problem an und ist so in doppelter ironischer Funktion zu verstehen. Einerseits die Furcht vor bisher fremden, kriminellen Energien, andererseits aber – und das ist die Meisterleistung dieses Films – die unterschwellige Sehnsucht genau danach. Denn mit dem Niedergang des British Empire hat England die globale Bedeutung verloren, die die USA, einstige Kolonie, praktisch ohne militärische Macht einnehmen konnte und durch perfekte Ideologisierung ebendieser fragwürdigen Machtstrukturen zu festigen vermochte. London ist nicht mehr Weltstadt, bestenfalls Provinz, und zu Europa wollte man sowieso nie so richtig gehören. »Wir brauchen jemanden, der hart durchgreift. Jemanden wie John Wayne oder Gary Cooper«, faßt der Film das Problem lakonisch zusammen.

Ein Held muß her, ein Cowboy, und damit der Pioniergeist, der die Nation längst verlassen hat. Die Peitsche findet ihren Helden und zwar, einmal mehr, in doppelter Hinsicht: Den Polizist und den Dieb – letzterer gespielt von Connery – oder besser: Der Sheriff und der Fremde. Das britische Spiel mit amerikanischen Mythen gelingt bestens und nimmt damit den kommenden Glanz vorweg, den das neue Kultur-Empire ein Jahr später mit seinem neuen Helden, dem Übercowboy schlechthin, zurückgewinnen wird: Mit 007 jagt Dr. No. 1970-01-01 01:00
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