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Oscar Wilde

Wilde. GB 1997. R: Brian Gilbert. B: Richard Ellman, Julian Mitchell. K: Martin Fuhrer. S: Michael Bradsell. M: Debbie Wiseman. P: BBC / Capitol / Dove International. D: Stephen Fry, Jude Law, Vanessa Redgrave, Tom Wilkinson u.a.
115 Min. Pandora ab 23.10.97

Born to be Wilde

Von Manuela Brunner »Dandy…Pseudo-Intellektueller… Arroganz und Dekadenz…« Eine Kritzelei, eine alte Holzbank in irgendeinem Universitätshörsaal in Deutschland zeichnet in groben Strichen ein Bild von Oscar Wilde. Doch das, was uns die ersten Minuten von Brian Gilberts Film präsentieren, entspricht so gar nicht dem kulifarbenen, ins Holz unserer Erinnerung gekerbten Wilde-Bild: Stetson-Hut, Staub und Hufgetrappel – Oscar Wilde im Wilden Westen. Ungewöhnliche Zugänge kennzeichnen diesen Film.

Mit seiner Anfangssequenz gibt Gilbert ein Statement ab, dessen Versprechen er im weiteren Verlauf einlösen wird: Wiederzuerkennen ist Wilde immer. Stephen Fry spielt ihn mit eben der bekannten spitzen, paradoxa-versprühenden Zunge, die er mit Vorliebe an der britischen Gesellschaft wetzt. Doch als alternden, auf der Kippe zur Fettleibigkeit stehenden Familienvater kennen wir Wilde ebensowenig wie als Cowboy. Martin Fuhrer führt in seiner Kamera-Arbeit dieses Konzept fort, beobachtet aus einer Perspektive des Flaneurs und Voyeurs einem Oscar Wilde angemessen beiläufig und tiefenscharf, doch gelegentlich blitzt in einem plötzlichen Reißschwenk ein schelmenhaftes Gemüt hervor.

Den oft bearbeiteten Elementen der Lebensgeschichte Wildes kann sich auch dieser Film nicht entziehen: Er erzählt, wie Wilde seine Homosexualität entdeckt und eine Affäre mit einem jungen Lord mit Spitznamen Bosie beginnt, seine Familie verliert, schließlich wegen Unsittlichkeit vor Gericht zu Zwangsarbeit verurteilt wird - und gelegentlich ein Theaterstück oder einen Roman schreibt. Sogar ein kurzer Blick auf den »echten« Dorian Gray ist gestattet.

Während Jude Law als Bosie wie ein launenhafter Schmetterling durch den Film flattert, setzt Tom Wilkinson als Bosies Vater den Kontrapunkt. Als verbittert-verknöcherter Greis stapft er beeindruckend daher, so daß er fast, der Jahreszeit vorauseilend, eine Figur von Wildes Kollegen Charles Dickens zu sein scheint. So haben wir ein Gipfeltreffen: Dorian Gray meets Ebenezer Scrooge. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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