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New York Express

Blindfold. USA 1965. R,B: Philip Dunne. B: W.H. Menger. K: Joseph MacDonald. S: Ted J. Kent. M: Lalo Schifrin. D: Rock Hudson, Claudia Cardinale u.a.
102 Min. ab 23.12.65

Von Verbrechen und Organisationen

Von Matthias Grimm Der Psychiater, sein Patient und dessen Schwester. Der Patient ist Physiker, der an geheimen Regierungsprojekten arbeitet. Die Schwester ist attraktiv. Und der Psychiater ist Rock Hudson.

Warum gerade Psychiater ein häufiges Objekt der Komödie sind, ist offensichtlich: Diese Berufsgruppe steht grundsätzlich auf der Seite des zutiefst rationell Verwurzelten, das sich zwangsweise mit dem Irrationalen, ins Surreale Abgleitenden, in Kontakt begibt. Dasselbe trifft auf Physiker zu, denen das Vergeistigte anhaftet, das sie in eine Position außerhalb oder überhalb der Realität versetzt; ein Zustand des rationalen und irrealen Konflikts innerhalb derselben Person. Kein Wunder braucht so jemand einen Psychiater. Der Psychiater wiederum braucht eigentlich Claudia Cardinale; was nicht verwunderbar ist, denn die bräuchten wir doch alle.

In diesem Sinne, oder auch: aus diesem Sinne heraus, beziehungsweise weit über den üblichen Sinne hinaus: New York Express spielt mit dem in Komödien häufig verwendeten Motiv des Umkehrens von Strukturen. Der Wissenschaftler, der verrückt ist; der Psychiater, der eigentlich sein eigener Patient wird: Dr. Snow (der Psychiater) wird gar zum Geheimagenten, auch ein gängiges Motiv, das des Einfallens einer Person in ihr unbekannte Strukturen. Auch schön: das Infragestellen des Wirklichen, am besten durch einen Verrückten. Der Patient, der ja eigentlich der Wissenschaftler ist, und gleichzeitig der Bruder der Schwester und insbesondere der vom Staat vor Gangsterorganisationen Beschützte behauptet, in Wirklichkeit der Gefangene einer Verbrecherorganisation zu sein, die vorgibt, eine Geheimorganisation zu sein, die ihn vor eben selbiger Verbrecherorganisation beschützt.

Man könnte nun glauben, die Geheimorganisation, die eigentlich ja der Staat ist und den Wissenschaftler, der vor einer Verbrecherorganisation beschützt wird, aber ja behauptet, von einer Verbrecherorganisation, die vorgibt eine staatliche Geheimorganisation zu sein, gefangengehalten wird, wäre metaphorisch zu verstehen und bedeute einfach dasselbe, nämlich eine Verbrecherorganisation zu sein, was gerade in den Zeiten des Wahlkampfes politische Brisanz beinhalten würde.

Aber es ist noch viel komplizierter: Der Psychiater nämlich trifft die Schwester des Wissenschaftlers, der bekanntermaßen Psychiater ist und von einer Geheimorganisation beschützt wird, deren wahre Absichten, nennen wir es einfach so, um es abzukürzen, zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vollkommen schlüssig zu sein scheinen, zufällig im Park, und wir glauben nicht an Zufälle, nicht wenn Geheimorganisationen Wissenschaftler beschützen, die behaupten, von Verbrecherorganisationen gefangengehalten zu werden, und die kurioserweise den Psychiater beschuldigt bzw. darüber aufklärt bzw. die Verdachtsmomente bestätigt, daß ihr Bruder, der Wissenschaftler, der wahrscheinlich einfach nur verrückt ist, weil es sonst viel zu kompliziert wäre, sich tatsächlich in Gefangenschaft einer Verbrecherorganisation befindet, die sich für eine staatliche Geheimorganisation ausgibt, die Wissenschaftler vor Verbrecherorganisationen beschützt.

Die Verbrecherorganisation, vor der der Wissenschaftler bzw. der Bruder und der Patient, die ein und dieselbe Person sind und eventuell ein bißchen schizophren, beschützt werden soll oder sollen, die aber vielleicht gar nicht vorkommt, weil sie nicht existiert, sollte der Patient und die Schwester Recht haben, weil dann ja die Geheimorganisation die Verbrecherorganisation wäre oder eine andere Verbrecherorganisation wäre, die eventuell mit der anderen Verbrecherorganisation gar nicht in Zusammenhang stehen würde, weil sie ja gar nicht existiert, macht nun Jagd auf den Psychiater, weil sie ihn nicht für den Psychiater hält sondern für einen Geheimagenten einer Geheimorganisation, die wahlweise mit derjenigen identisch ist, die nur vorgibt eine Geheimorganisation zu sein, in Wirklichkeit, sollten denn Schwester und Bruder, der sich in Gefangenschaft bzw. Schutzhaft dieser Organisation befindet, Recht behalten, aber eine Verbrecherorganisation ist, oder aber die wirkliche Geheimorganisation ist, die aber in diesem Text bisher überhaupt noch nicht erwähnt worden ist.

Nichtsdestotrotz schlüpft der Psychiater, da er ja nun schon mal dafür gehalten wird, in seine Rolle als Geheimagent, der Verbrecherorganisationen bekämpft, die einerseits vorgeben Geheimorganisationen zu sein, die Wissenschaftler bewachen, die für Geheimorganisationen arbeiten, aber gleichzeitig behaupten, daß die sie bewachenden Geheimorganisationen Verbrecherorganisationen sind, oder aber Verbrecherorganisationen, die Geheimagenten jagen, die für Geheimorganisationen arbeiten, die Wissenschaftler bewachen, die für Geheimorganisationen arbeiten, aber gleichzeitig behaupten, daß die sie bewachenden Geheimorganisationen Verbrecherorganisationen sind oder sein könnten oder im Bereich des Möglichen sich aufhalten oder mutmaßlich von sich zu behaupten gedenken.
So. Und jetzt fängt der Film eigentlich erst an. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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