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Misfits – Nicht gesellschaftsfähig

Misfits. USA 1961. R: John Huston. B: Arthur Miller. K: Russell Metty. S: George Tomasini. M: Alex North. P: Frank E. Taylor. D: Clark Gable, Marilyn Monroe, Montgomery Clift, Thelma Ritter u.a.
118 Min. United Artists ab 21.3.61

Kant à la Monroe

Von Matthias Grimm Die Sanftmütigen werden die Welt beherrschen. Spätestens beim Eintreffen dieser Prophezeiung wird es für Cowboys schlecht aussehen. Höchste Zeit also für den Paradigmenwechsel. Diesen zeichnet Misfits als Liebesgeschichte zwischen dem Cowboy Gay und der einstigen Strip-Tänzerin Roslyn. Und welcher Lebensabschnitt wäre besser als metaphorischer Neuanfang geeignet als eine Post-Scheidungs-Depression, als wolle Regisseur Huston direkten Bezug auf die wirtschaftliche Depression Amerikas nehmen?

Interessanterweise fällt die Dekonstruktion des Cowboy-Mythos und die Hinwendung zu einem sozialdemokratisch-humanistischen Gesellschaftsbild in eine historische Periode, in der der Kalte Krieg mit der Kuba-Krise seine kritischste Phase erlebte. Aber keine Angst, von Politik ist in diesem Film nichts zu spüren, viel eher geht es um die Romantisierung der Politik, so wie es die Esoterik mit der Wissenschaft unternahm. Nach einer Enttäuschung mit den Männern vermeintlich gestärkt und von ihrer Mutter gewarnt, geht Roslyn eine Beziehung mit einem Cowboy ein und erkennt zu spät, daß Freiheit und Abenteuer, die Essenz amerikanischer Romantik schlechthin, nicht mit ihrem mitfühlenden Pazifismus vereinbar sind. Denn das ungebundene Leben der Bohème, das Huston als irreales Abbild des Bauerntums interpretiert, ist nur zu einem Preis aufrechtzuerhalten: den Verlust von Moral, die ja letztlich auch nur eine Form von Gebundenheit bedeutet und somit auf den Umstand verweist, daß Freiheit und Gesellschaft inkommensurabel sind und vor allem: sein sollten.

Doch mit dieser Betrachtung gibt sich Huston noch nicht zufrieden, stattdessen schickt er seine Heldin in den angedeuteten Hauch einer Dreiecksgeschichte: In einer Schlüsselszene erklärt der Bildungsbürger - die repräsentative Opposition – seinen Neid auf Roslyns angeborenen Humanismus, der bei ihm selbst nur oktroyierte Konvention ist. Die Sensibilität des Gelehrtentums wird als auf die Gesellschaft projiziertes Selbstmitleid entlarvt, und was am Ende propagiert wird und damit weit entfernt ist von allem Dogmatismus, den Hollywood nur zu gerne voreingenommen aufnimmt, ist die Autonomie des Willens, denn nur durch diesen macht die Wandlung wirklich Sinn. Was das nun bedeutet? Genau das ist der elementare Unterschied zwischen der Goldenen Regel und dem kategorischen Imperativ. Und von niemandem laß ich mir die Philosophie Immanuel Kants lieber erklären als von Marilyn Monroe. 1970-01-01 01:00
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