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Schatten der Vergangenheit

A 1936. R: Werner Hochbaum. B: G.C. Claren, Walter von Hollander. K: Georg Bruckbauer. M: Anton Profes. P: Donau-Film. D: Luise Ullrich, Rudolf Carl, Gustav Diessl u.a.
79 Min. ab 17.7.36

Doppeltes Lottchen aus der Vergangenheit

Von Corinna Engelhardt Luise Ullrich verkörpert in Schatten der Vergangenheit von 1936 in den Anfängen des Tonfilms eine der ersten Doppelrollen: zwei Zwillingsschwestern, die ungleicher nicht sein könnten. Die eine gerade wegen guter Führung frühzeitig aus dem Zuchthaus entlassen, die andere ein funkelnder und »everywhere known Star im ›Wiener Hollywood‹«.

Ein oft adaptiertes Motiv, das natürlich auch hier zu Chaos und der Verschmelzung von Wahrheit und Lüge führt. In der langwierigen Exposition werden die ungleichen Schwestern Helene Gall, das eingeschüchterte, ungeschminkte Zuchthausmädchen, und Betty Gall, die verführerische, an den film-noir-männermordenden Vamp erinnernde Wiener Diva, eingeführt. Nun kreuzen sich ihre Wege, und Werner Hochbaum inszeniert ihr Wiedersehen mit einer stillen, heimlichen Begrüßung in der Wiener Villa von Betty Gall. Doch endet das Treffen durch einen lauten, furchterregenden Sturm auf dem Plattensee in einer Katastrophe und – wer hätte es gedacht – eine der Schwestern stirbt. Kurz darauf wird dem Zuschauer eindeutig klar gemacht, daß Helene in ihrem weißen Kostüm überlebte und Betty in ihrem schwarzen starb.

Denkt man nun aber, Helene würde mit frohem Herzen einfach die reiche und angesehene Rolle der Betty, für die sie auch gehalten wird, einnehmen, so hat man sich getäuscht. Helene, zwischen Wahrheit und Lüge gefangen, verfällt beinahe dem Wahnsinn und scheint an der Teufelskreis-Situation zur zerbrechen. Doch rettet sie ein Schatten der Vergangenheit – ihre Schwester. Diese erscheint ihr in einem Spiegel und fordert sie dazu auf, ihr Glück an- und ihre Rolle einzunehmen.

Gesagt, getan. Helene und Betty verschmelzen in einem Symbion aus Diva und Hausfrau. Die neue Rolle der Helene Gall ist die ihrer eigenen Schwester. Doch scheinen ihre, auf wunderbare Weise aufgedeckten Charakterzüge wie Fürsorge, Mitleid und Angst auch die Männerwelt zu beeindrucken. So schließt der Geliebte der Betty Gall mit vollster Zufriedenheit auch Helene in seine Arme.

Doch leider haben Lügen kurze Beine und die Vergangenheit kann man nicht ungeschehen machen, so, daß sie einen irgendwann einholt. Auch Helene wird von ihrer Vergangenheit eingeholt und sie scheitert an ihrem auf die Probe gestellten neuem Selbstbewusstsein, indem sie sich selber nicht leugnen kann.

Schatten der Vergangenheit ist ein durch und durch inszenierter Film, die Schauspieler spielen Rollen, und das merkt man auch. Werner Hochbaum kombiniert übertriebene Gestik und Aussprache von Luise Ullrich mit dunklen Weltuntergangsbildern und strahlenden Revuegirls. Das Ergebnis ist eine, auch in vielen späteren Filmen, wie Hitchcocks Vertigo oder Anthony Minghellas The Talented Mr. Ripley angewandte Thematik, die Hochbaum, wie Hitchcock durch Spiegelungen und dämonisch wirkende Sturmbilder bis ins Mystische treibt. 1970-01-01 01:00
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