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Mädchen ohne Mitgift

The Catered Affair. USA 1956. R: Richard Brooks. B: Gore Vidal. K: John Alton. S: Gene Ruggiero, Frank Santillo. M: André Previn. P: Metro-Goldwyn-Mayer. D: Bette Davis, Ernest Borgnine, Debbie Reynolds, Barry Fitzgerald, Rod Taylor u.a.
94 Min. MGM ab 3.5.57

Die Eier der Nachbarn

Von Frank Brenner »So eine Hochzeit ist doch eine Art Stapellauf, und das Mädchen ist wie ein Schiff, das geschmückt werden muß.« Klare Sache für den Onkel der Braut, der auch gar nicht auf der Gästeliste stünde, wenn die Hochzeit im Sinne des Brautpaares im kleinen, schlichten Kreis gefeiert würde. Für die Brauteltern, die die Kosten übernehmen sollen, steht die Entscheidung keineswegs so fest. Vater Ernest Borgnine fährt seit zwölf Jahren Nachtschichten durch die Bronx, um sich mit einem Kollegen endlich ein eigenes Taxi leisten zu können. Aber Mutter Bette Davis kann das Getratsche der Nachbarn nicht mehr ertragen; schließlich wäre es eine Schande, wenn das Wichtigste im Leben (nämlich die Ehe) nicht groß gefeiert würde – notfalls auch ohne das Brautpaar.

Mädchen ohne Mitgift stammt aus einer Zeit, als man in Hollywood erstmals das Kleine-Leute-Milieu für sich entdeckte. Nach all den Oberen Zehntausend und Gute-Laune-Filmen aus der High Society war das eine lohnenswerte Abwechslung. Da gibt es Nachbarn, die sich mal eben ein paar Eier ausleihen und einen bierbäuchigen Vater, der im Unterhemd am Küchentisch sitzt. Eine Geschichte, wie sie das Leben hätte schreiben können. Gore Vidals Dialoge sind authentisch und fesselnd, was gut ist, weil Regisseur Richard Brooks voll auf sie baut. Seine insgesamt etwas zu konventionelle Inszenierung lebt von der Spannung, die aus den Figuren heraus entwickelt wird.

Daß die Hauptrolle von Bette Davis gespielt wird, mag man am Anfang gar nicht recht glauben. Ungeschminkt sieht man sie im Geblümten und mit Strickweste beim Wäscheabhängen oder im Nachthemd mit tränenüberströmtem aufgequollenem Gesicht – ein erster Schritt mit Mut zur Häßlichkeit hin zu vielen weiteren lohnenden Altersrollen. An ihrer Seite wiederholt Ernest Borgnine seine Rolle des Durchschnitts-amerikaners, die ihn zwei Jahre zuvor in Marty weltbekannt gemacht hatte.

Die beiden Stars spielen auf glaubhafte Weise ein Paar, dessen Ehe noch aus Zweckmäßigkeit anstatt aus Liebe geschlossen wurde; Repräsentanten einer Generation, gegen die zur gleichen Zeit Rebellen wie James Dean und Marlon Brando aufbegehrten. Paddy Chayefsky (der Autor der Bühnenvorlage) spricht in seiner Geschichte auch diese Generationenproblematik an. In der ausgezeichneten kontrastreichen Schwarzweißfotographie von John Alton, die verstärkt auf Großaufnahmen setzt, und dank der sensiblen und präzisen Interpretation durch die Hauptdarsteller wird daraus eine sympathische Geschichte, die noch so frisch ist wie zu ihrer Entstehungszeit. 1970-01-01 01:00
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