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Lupo und der Muezzin

D 1998. R,B: Dagmar Wagner. K: Charles van Damme. S: Heidi Handorf. M: Gert Wilden jun.. P: Diana. D: Martin Lüttge, Elisabeth Schwarz, Iknur Boyraz, Ercan Durmaz, Jürgen Tarrach u.a.
85 Min.

Helau und Allah

Von Thomas Warnecke Brennpunkt Sibling – das kleine Örtchen im Bergischen Land wird von heftigen Interessenkonflikten seiner Bewohner erschüttert: das neueröffnete Einkaufszentrum »Galaxus« treibt den alteingesessenen Einzelhandel in den Ruin, und jetzt wollen auch noch die Türken des Ortes eine Moschee bauen, direkt neben das Grundstück, auf dem Lupo (Martin Lüttge) sein Karnevalsvereinshaus geplant hat: »Das paßt einfach nicht zusammen, Karneval und Moslems. Wir singen ›Helau‹ und die – was weiß ich – abdalabimba.« Also läßt Lupo seinen guten Draht zum Bürgermeister spielen, dem er kurzerhand Dias von der Hagia Sofia in Istanbul als Schocktherapie vorführt, die örtliche Postille veröffentlicht einen entsprechenden Artikel – Stimmung!

Nicht erst Detlef Buck mit seinem Liebesluder hat die Abgründe hinter possierlichen Fachwerkfassaden aufgedeckt. Was bei ihm nur für eine mäßigen Provinzfarce langt, baute zwei Jahre vorher Dagmar Wagner in der Fachwerkkulisse der Stadt Freudenberg zu einem detaillierten Mikrokosmos der deutschen Kleinstadtrealität aus. Wenn auch die Story und manche Aussprüche der Bewohner sich gelegentlich wie ein soziologischer Musterfall darbieten, so bewahrt doch das Gefühl der Regisseurin für ausgefeilte Charakterisierungen den Film davor, nur ein Spiel mit Stereotypen zu sein. Die Figuren sind niemals Agenten einer gutgemeinten Handlung, sondern vielmehr eingebunden bis gefangen in ihren kleinen Alltagswirklichkeiten, und natürlich sind die personellen Verstrickungen in der Kleinstadt enger als in weltläufigen Metropolen – Short cuts auf dem Dorfe.

Am Ende von Lupo und der Muezzin sind dann alle mittelschweren Katastrophen durchgestanden, jeder zufrieden, doch Lupo weiß – und die Zuschauer wissen es auch – das glückliche Ende ist eine Lüge. 1970-01-01 01:00
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