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Der kleine Tony

Kleine Teun. NL 1998. R,B,M,D: Alex van Warmerdam. K: Marc Felperlaan. S: Stefan Kamp. P: Graniet Film. D: Annet Malherbe, Ariane Schluter, Sebastiaan te Wierik u.a.
93 Min. Kairos ab 4.11.99

Skurrile, bitterböse Komödie um ein fatales Dreiecksverhältnis

Von Carsten Happe Alex van Warmerdam überläßt nichts dem Zufall. Nicht nur daß er Regisseur, Autor, Produzent, Komponist und Hauptdarsteller von Der Kleine Tony ist, sein Film wirkt auch bis ins kleinste Detail durchkomponiert. Die Kamera bewahrt stets einen distanzierten, dokumentarischen Blick, in den sparsamen Dialogen wird kein Wort zuviel gesagt, die streng symmetrischen Bilder sind von überwältigender Schlichtheit. Doch gerade in der Reduktion aufs Wesentliche liegt die Meisterschaft van Warmerdams.

Es gibt kein Geheimnis in dieser Welt, nach wenigen Minuten glaubt man alles über die Figuren zu wissen. Der Entwicklung des Films aber zeigt, daß unter der Oberfläche Untiefen lauern, jede Figur ein anderes Gesicht zu zeigen imstande ist. Sei es der simpel strukturierte Bauer Brand, der weder lesen noch schreiben kann und seine Zeit mit dem Bemalen von Gartenzwergen verbringt. Sei es seine resolute Frau Keet, die es leid ist, ihrem Mann die Untertitel im Fernsehen vorzulesen, und sich so sehr ein Kind wünscht, aber keines bekommen kann. Oder die von Keet angeheuerte Sprachlehrerin Lena, die zunächst entsetzt auf Brands Annäherungsversuche reagiert. Sie alle spielen zu Beginn festgelegte Rollen, die sie erst abstreifen, als innerhalb des Films ein Rollenwechsel vorgenommen wird: auf Keets Initiative geben sie und Brand sich als Geschwister aus, um die aufkeimende Liaison zwischen Brand und der Lehrerin gedeihen zu lassen und somit dem Haus doch noch den Nachwuchs zu bescheren. Der anfängliche Gleichmut Keets schlägt aber bald in rasende Eifersucht um, als sie merkt, daß sie zunehmend an den Rand, respektive ins Gästezimmer gedrängt wird.

Ein kühler Thriller am Rande des Wahnsinns nimmt seinen Lauf und es mutet mitunter wie eine Expedition ins Tierreich an, mitanzuschauen, wie zwei Furien ihr Territorium verteidigen. Der Film wechselt dabei scheinbar mühelos die Genres, verliert aber nie seinen lakonischen Humor, der insbesondere die vom Regisseur selbst gespielte Figur des Brand auszeichnet. Dank des brillianten Spiels der drei Hauptdarsteller werden die mitunter grell überzeichneten Charaktere nie der Peinlichkeit preisgegeben. Der langsame Rhythmus und die karge Ausstattung des Films, der fast ausschließlich in einem unscheinbaren Bauernhaus spielt, wecken Erinnerungen an die Filme Käurismäkis und bilden einen pointierten Kontrast zu dem hysterischen Kampf der beiden Frauen; daß der lethargische, gleichmütige Brand am Ende die Initiative ergreift und Gewalt sprechen läßt, als Worte nicht mehr ausreichen, ist Höhepunkt der Ironie. 1970-01-01 01:00
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