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Der kleine Gangster

Le petit criminel. F 1990. R,B: Jacques Doillon. K: William Lubtchansky. S: Catherine Quesemand. P: Sara Films, Canal Plus. D: Gérald Thomassin, Richard Anconina, Clotilde Courau u.a.
100 Min. Time ab 4.4.91

Ein Kammerspiel auf Rädern

Von Thomas Warnecke Die Mutter findet eine Pistole in der Wohnung, Marc, der Sohn, erfährt, daß er noch eine ältere Schwester hat, überfällt mit der Waffe eine Parfümerie und nimmt einen Polizisten, der ihn durchsuchen wollte, als Geisel, um mit ihm seine Schwester zu finden.

Was sich wie eine Versuchsanordnung liest, an der wahlweise ein Thriller oder ein soziologiegetränktes Halbstarken-Drama hätten aufgehängt werden können, ist dem Autor und Regisseur Jacques Doillon zu einem dichten Kammerspiel geraten. Wobei dicht nicht mit einer wasserdichten dramaturgischen Konstruktion zu verwechseln ist, vielmehr bewirkt die gelungene Mischung mit einem Roadmovie, daß Der kleine Gangster eine offene Struktur hat, die weniger einer stringenten Handlung als vielmehr den Figuren Zeit und Raum zugesteht, sich zu entwickeln, Möglichkeiten des Weiterlebens zu erproben.

Und die Darsteller, die bis auf den Polizeifilm-erfahrenen Richard Anconina (unausgebildete) Debütanten sind, füllen diesen Platz mit beeindruckender Präsenz. Schon von Doillons Filmdebüt Les doigts dans la tête (1974) schrieb François Truffaut, daß er »den Eindruck vermittelt, den höchsten Grad an richtigem Spiel zu erreichen«. Dabei sind die Dialoge dermaßen präzise und genau, daß sie vor allem aus dem Mund eines heranwachsenden Jungen künstlich zu wirken drohten, wäre Gérald Thomassin nicht so ein natürlicher, völlig untheatralischer Interpret.

Oberflächlich gesehen hat der Film, was Handlung, Personenkonstellation und die weitgehend menschenleeren Schauplätze angeht, viel Ähnlichkeit mit dem zwei Jahre später entstandenen preisgekrönten (und wohl auch bekannteren) Ladro di bambini von Gianni Amelio. Doch die Unterschiede sind bedeutend, und sie sprechen für Doillon: Während Amelio kaum in der Lage ist, Kinder anders als gesellschaftliche Opfer zu sehen, ist Doillons Sicht auf den »jeune délinquant« Marc nicht von einem Urteil oder der Suche danach bestimmt. Wo Amelio Gesellschaftskritik formulieren will, zeigt Doillon Annäherungsversuche zwischen Menschen. Der Junge, seine Schwester und der Polizist haben sich ihren Platz im Leben nicht ausgesucht, aber sie versuchen, ihn zu behaupten. Sie sind auf eine besondere Weise schön, weil sie selbstbewußt sind, während sich Enrico LoVerso, der Polizist bei Amelio, hart an der Grenze zum bemitleidenswerten Trauerkloß bewegt.

Schließlich ist es die formale Meisterschaft, die Der kleine Gangster aus dem Gros ähnlich gelagerter Filme heraushebt. Der Kameramann William Lubtchansky, der schon für Truffaut, Godard und Resnais fotographierte, läßt sich vom Scope-Format nicht dazu verführen, mit der lichtdurchfluteten Mittelmeerlandschaft eine falsche romantische Stimmung zu machen, vielmehr nutzt er gerade die Möglichkeit der Breitleinwand, intime Gesprächsituationen zu zeigen, Nähe und Enge zu erzeugen statt weiträumiger Ausschweifung. Die genau austarierten Bewegungen der Kamera ohne pseudodokumentarisches Handkameragefuchtel, die sorgfältige Montage (Doillon begann seine Filmlaufbahn beim Schnitt) tragen zu einer Inszenierungskunst bei, mit der es Jacques Doillon gelingt, allen Fallgruben, die sein Sujet mit sich bringt, auszuweichen. 1970-01-01 01:00
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