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Ein Kind wartet

A Child Is Waiting. USA 1963. R: John Cassavetes. B: Abby Mann. K: Joseph LaShelle. S: Gene Fowler Jr., Robert C. Jones. M: Ernest Gold. P: United Artists. D: Burt Lancaster, Judy Garland, Gena Rowlands, Bruce Ritchey, Paul Stewart, John Marley u.a.
100 Min.

Sensibles Plädoyer für die Akzeptanz geistig Behinderter

Von Frank Brenner John Cassavetes wirft seine Zuschauer unmittelbar in die dramatische Handlung. Auf dem Rücksitz eines Autos sitzt ein Kind und wartet. Seine Augen wirken verängstigt und mißtrauisch; sprachlos beobachtet der kleine Junge Burt Lancaster, der ihn mit einem Tretauto zum Aussteigen bewegen will. Zögerlich wagt sich das Kind nach draußen. Die nächste Einstellung in Großaufnahme zeigt erneut das Gesicht eines Menschen, der keinen Laut über die Lippen bringt. Wie wir gleich erfahren werden, ist das der resignierte Blick des Vaters des Jungen, der dann überstürzt in sein Auto springen und in der Eile mit offener Beifahrertür davonpreschen wird. Als das abgelenkte Kind die Flucht des Vaters registriert, bricht es in einen Schreikrampf aus, der in den Titelvorspann übergeht.

Nach dieser eindrucksvollen Eröffnungssequenz weiß der Zuschauer noch nicht, warum der Vater seinen Sohn in die Obhut Burt Lancasters gegeben hat und wer dieser ist. Doch mit der Ankunft Judy Garlands, die sich um einen Lehrerposten bemüht, erkennt man, daß es sich um ein Heim für geistig behinderte Kinder handelt. Dem kleinen Reuben hat man – im Gegensatz zu einigen seiner mongoloiden Mitschülern – seine Behinderung nicht angesehen. Cassavetes' Film versucht im folgenden, die Positionen aller Beteiligten möglichst differenziert zu schildern und so Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt der Figuren zu ermöglichen.

Es geht um die Ängste der Eltern, die den Druck nicht bewältigen können und sich scheiden lassen. Es geht um das schweigsame Kind und seine Versuche, mit der Welt zurechtzukommen und akzeptiert zu werden. Und schließlich geht es um die Auseinandersetzungen zwischen den Erziehern Lancaster und Garland, die auf völlig unterschiedliche Weise das Beste für Reuben (und somit stellvertretend für alle Kinder ihres Heimes) wollen. Garland wird dabei als Frau die emotionale Herangehensweise zugewiesen, die von Lancaster in einer Schlüsselszene rational kommentiert wird. »Es ist absolut möglich, daß ich nie etwas für Reuben tun kann. Wie Sie sagen, ist er vielleicht nicht einen Augenblick glücklich hier. Aber ich möchte lieber versagen, indem ich für ein bißchen seiner Würde kämpfe, als zuzulassen, daß Ihre Liebe ihn entstellt.«

Damit spricht Cassavetes 1963 in seinem dritten Film als Regisseur eine äußerst progressive pädagogische Methode an: Es ist natürlich unverantwortlich, geistig behinderte Kinder von der Außenwelt abzukapseln und ihre Existenz zu verdrängen; mindestens genauso schlecht ist es aber, ihnen zuviel Aufmerksamkeit zu widmen und sie damit von seiner Liebe abhängig und somit lebensunfähig zu machen. Ein sensibles Plädoyer für Akzeptanz und einen würdevollen Umgang mit geistig Behinderten und dadurch ein wichtiger und wegweisender Film des Independent Cinema in Hollywood. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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