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Kikujiros Sommer

Kikujirô no natsu. J 1999. R,B,S: Takeshi Kitano. K: Katsumi Yanagishima. S: Yoshinori Oota. M: Joe Hisaishi. P: Bandai Visuals, Office Kitano u.a. D: Takeshi Kitano, Yusuke Sekiguchi, Kayoko Kishimoto, Yuko Daike u.a.
112 Min. Senator ab 18.11.99

Die Kunst der Auslassung

Von Daniel Bickermann So kennen wir Takeshi Kitano: wortkarg und immer lauernd, während sein rechtes Auge alle paar Herzschläge irgendwie martialisch zuckt. Und doch haben wir ihn so wie hier, wie in Kikujiros Sommer, noch nie gesehen. Nach unzähligen ebenso blutigen wie poetischen Gangster- und Gewalt-Epen wie Violent Cop und Hana-Bi hat Kitano uns 1999 alle auf dem falschen Fuß erwischt – mit einem Kinderfilm. Und so begegnet uns statt eines schweigsamen, zielstrebigen Rächers, der ohne sichtbare Mimik großzügig Schmerz austeilt und einsteckt, ein großmäuliger Trottel als Titelfigur, der zusammen mit dem pummeligen, verschüchterten Jungen Masao eines der lustigsten Filmduos der letzten Jahre bildet.

Daß man wegen Kitanos cineastischer Vorgeschichte bei seinem steingesichtigen Anblick immer noch jede Sekunde damit rechnet, er könnte ohne jede Ankündigung einen harmlosen Passanten niederschießen, macht diesen Film vollends zur surrealen Erfahrung.

Zudem läßt sich Kitanos berüchtigter Stil der harten Schnitte nirgends besser begutachten als in diesem letztlich doch herzerwärmend freundlichen Roadmovie. Seine Angewohnheit, von implizierten oder ausdrücklichen Fragen direkt zum Ergebnis zu schneiden, sorgt hier für wahnwitzige Pointen, wenn zum Beispiel Kikujiro eben noch prahlt, ein ausgezeichneter Schwimmer zu sein, und im nächsten Moment kopfüber und leblos im Hotelpool treibt. Nachdem dieses Bild aufreizend lange stehen gelassen wird, schneidet Kitano direkt zur Wiederbelebung durch das Hotelpersonal. In einer Zeit, da der Filmschnitt eher zum kompletten Überblick einer Szene als zur filmischen Auslassung genutzt wird, wirken solche radikalen Ellipsen wie die Wiederentdeckung einer verschollenen Kunst.

Dazu kommt Kitanos erstaunliche Angewohnheit, in seine ohnehin schon ruhigen Kompositionen, die meist ohne jede Kamerabewegung auskommen, Stilleben von trister Schönheit einzufügen: Bunte Kleidung im Wind, ein symmetrisch angeordnetes Abendessen, eine Blume auf einem Tisch. Solche fast unbewegten Bilder werden nicht als Übergänge zwischen den Sequenzen genutzt, sondern aufreizend kommentarlos mitten in die meist ebenso wortlosen Porträtszenen der Figuren geschnitten, als Point of View-Shots, als Stimmungsbilder oder einfach als Fundstücke. Zusammen mit den vielen Szenen, die die Figuren sekundenlang bei alltäglichen Verrichtungen, beim Essen oder auf dem Schulweg zeigen (und die im Westen wohl schon im Drehbuch, spätestens aber im Schneideraum rausgenommen worden wären, weil sie den Plot nicht voranbringen), ergibt sich ein ruhiger, hypnotischer, gemütlicher und humorvoller Rhythmus.

Ähnlich wie Roberto Rodriguez’ mit seinen Spy Kids hat auch Kitano einen Kinderfilm mit den Mitteln des FSK-18-Actionfilms gedreht – auf den ersten Blick scheint sich formal und stilistisch kaum ein Unterschied zu seinen bisherigen Thrillern zu finden. Wir befinden uns weiterhin im Milieu der Kleingangster, es gibt Schlägereien und sogar eine Messerstecherei, und doch ist Kikujiros Sommer süßer als jeder Disney-Film. Kitano hat einfach seine eigenen Methoden auf die Spitze getrieben und somit der Albernheit preisgegeben. Das gelingt vorbildlich bei Joe Hisaishis Musik, die Kitanos sonstige Filme ähnlich baßlastig und tiefgründig untermalt hatte wie Angelo Badalamentis finstere Dissonanzen das Lynch-Gesamtwerk. Hisaishi gibt diese Methode für Kikujiros Sommer nicht auf, findet aber plötzlich auch leichte, simple Melodielinien für ein untypisches Klavier, das auf den dunklen Streichlinien herumtanzt und so sehr passend die manchmal kantige, aber immer interessante Mesalliance zwischen Bedrohung und kindlicher Naivität symbolisiert. Ein Kind beider Welten ist auch der Protagonist Kikujiro, eine Art tollpatschiger Bruder der bisherigen Kitano-Figuren, genauso schweigsam und erfinderisch, nur geht leider jede seiner kleinen Eskapaden nach hinten los, er bekommt dauernd auf die Fresse und gibt dann auch noch jedem die Schuld dafür außer sich selbst. Manchmal ist es allein der ausbleibende Erfolg, der aus einem bedrohlichen Gewaltverbrecher eine kinderfreundliche Slapstickfigur macht.

Man merkt bei diesen Beschreibungen schon: Kikujiros Sommer sollte überhaupt nicht funktionieren, am wenigsten beim Zusammenspiel zwischen einem streitlustigen Großmaul und einem zehnjährigen Jungen, der ausgerechnet mit diesem Schwachkopf auf die Reise nach seiner Mutter geschickt wird. Doch irgendwie verstehen sich der laute Narr und das stille Kind, trotz aller Beschimpfungen, mit denen Kikujiro um sich wirft, und trotz der vielen absurden Situationen, in die er die beiden bringt. Statt der abgehauenen Mutter findet Masao nach einem verrückten, gefährlichen und abenteuerlichen Sommer letztlich eine Familie, die er sich selbst aussucht, und alles wird so gut, wie es in einem Kinderfilm nur werden kann. Und spätestens hier wünscht man sich, den Film aufgenommen zu haben, um ihn nochmal mit den Kindern zusammen anzuschauen – die würden über die Szene im Hotel-Pool so laut lachen, daß sie sich noch tagelang darüber unterhalten würden. 1970-01-01 01:00
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