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Kiki und Tiger

D/CH 2002. R,B: Alain Gsponer. B: Edin Hinrichs-Hadzimahovic, Alexander Buresch. K: Matthias Fleischer. S: Michael Schaerer. M: Marius Lange. P: Filmakademie Baden-Württemberg, Schweizer Fernsehen DRS. D: Lenn Kudrjawizki, Stipe Erceg, Monika Ebert u.a.
55 Min.

Mut zum Experiment

Von Lisa Schneider Wieviel Randgruppenelend verträgt ein Film? Auf den ersten Blick scheint Kiki und Tiger einer dieser hoch ambitionierten und vor allem sozial engagierten Hochschulfilme für die gute Sache zu sein: eine Freundschaftsgeschichte.

Während im Kosovo der Bürgerkrieg vor der Tür steht, trotzen in Deutschland ein junger Serbe und ein illegal eingereister Albaner allen gesellschaftlichen Widerständen. Gegen die feindlichen Reaktionen ihrer Umwelt halten sie an ihrem innigen Verhältnis fest, doch sind es bald nicht nur äußere Hindernisse, die zur Bedrohung ihrer Freundschaft werden. Kiki und Tiger weiß nicht nur von der Überwindung ethnischer Grenzen zu berichten, denn was als Sozialstudie beginnt, gerät schließlich zum regelrechten Eifersuchtsdrama. Erzählt wird von der Grausamkeit des Krieges und von Völkerhaß, entwürdigendem Leben im Untergrund und drohender Angst vor Abschiebung, verlockendem Drogensumpf und verdrängten Gefühlen – womit dieses konfliktträchtige Gemisch, das Regisseur Gsponer da zusammengebraut hat, sicherlich noch immer nicht hinreichend beschrieben wäre.

Starker Tobak, möchte man meinen und stellt sich angesichts dieser explosiven Konfliktbombe die Frage, ob es sich hier nicht offensichtlich um ein kalkuliertes Geschäft handelt: Allzu bekannt nur wirkt dieses bewährte Rezept, das gern verordnet wird. Tatsächlich aber beruht Kiki und Tiger auf einer wahren Geschichte und bringt damit jene vorschnellen Unkenrufe zum Verstummen. Um eine Floskel zu bemühen: Das Leben schreibt eben doch die besten Geschichten.

Dem Film ist vor allem das gelungen, was man wohl eine authentische Milieustudie nennen kann. Ausgetretenen Pfaden wurde etwas entgegengesetzt, indem man sich dafür entschied, lediglich mit einem Bildertreatment zu drehen und damit die Chance einer offenen Arbeitsweise gegen festgelegte Dialoge durchzusetzen. Den Raum für freie Improvisation, der sich auf diese Weise eröffnet hat, wussten die überaus einnehmenden Hauptdarsteller anscheinend dankbar zu nutzen. Gerade deshalb erschöpft sich die Geschichte eben nicht allein in einer einseitigen Darstellung der gesellschaftspolitischen Dimension sozialer Mißstände, sondern erschließt auch die innere Welt des Individuums. Und so verliert sich der Film schließlich nicht in einer allzu anklagenden Zeigefingermoral, wie es vielleicht zu erwarten gewesen wäre.

Kreativ war auch der Umgang mit der Technik: Als echte Alternative zum typischen DV-Look, wie sie etwa die Dogma-Filme präsentieren, hat sich die selbst entwickelte Konstruktion von Kameramann Matthias Fleischer erwiesen, dessen handliches Hybrid-System aus Foto- und DV-Kamera eine weitreichendere Schärfengestaltung ermöglichte und auch schwierigere Lichtverhältnisse zu bewältigen vermochte. Kiki und Tiger zeigt damit in jeder Hinsicht Mut zum Experiment. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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