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Wolken ziehen vorüber

Kauas pilvet karkaavat. FIN 1996. R,B,S: Aki Kaurismäki. K: Timo Salminen. M: Shelley Fisher. P: Sputnik Oy. D: Kati Outinen, Kari Väänänen, Elina Salo u.a.
96 Min. Pandora ab 30.5.96

Solange du kannst

Von Eleonóra Szemerey Es ist nicht leicht, die Ausstrahlung eines Kaurismäki-Klassikers im Fernsehen anzukündigen und dessen nächtliche Rezeption dringlich zu empfehlen, ohne dabei in altbekannte Lobpreisungen des zugleich distanzierten und einfühlsamen, reduktionistisch-beredten, nostalgisch-innovativen Kaurismäki-Stils zu verfallen. Auch eine weitere Einführung in das Schaffen des Finnen oder in die sozialkritisch-melancholische Botschaft der Verlierer-Trilogien, deren zweite im Jahre 1996 mit Wolken ziehen vorüber ihren Auftakt hatte, dürfte ob der zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema mehr gebetsmühlenartig als motivierend wirken.

Deshalb und trotzdem: Es geht wieder ums Ganze. Und wieder geht es ganz ohne unnötigen ästhetisch-dramaturgischen Ballast. Im Kaurismäki-Land der 1990er wütet der Kapitalismus, trifft Ilona, trifft Lauri – macht das renommierteste Restaurant der Stadt zur Filiale einer Fast Food-Kette, die solide Oberkellnerin zur schwarzarbeitenden Tellerwäscherin und den stolzen Straßenbahnfahrer zum erwerbslosen Alkoholiker ohne Führerschein. Die Schicksalsschläge prasseln nur so auf das Ehepaar jenseits der Altersgrenze vermittelbarer Arbeitnehmer ein: Kartenspiele entscheiden über Entlassungen, Kleinkriminelle prügeln und betrügen, Banken verwehren Kredite, Casinos verschlingen allerletzte Ersparnisse – und der Sozialstaat versteckt sich hinter rat- und gefühllosen Beamten.

Der Chefmelancholiker der europäischen Autorenkinos wiederum tut sein Bestes, die vor Ungerechtigkeit geradezu schreiende Geschichte in möglichst stillen Tönen zu erzählen: Er läßt in asketisch komponierten Tableaux einsame Figuren vor übergroßen Farbflächen umherwandern und stumm durch Schaufenster in warme Innenräume starren, läßt sie von Kameramann Salminen in Einstellungen, so lang wie der finnische Winter, so starr wie die Gesichter der ewigen Verlierer, sachlich beobachtend begleiten und verläßt sich bei aller subtilen Emotion lieber auf melancholische Tango-Klänge als auf klärenden Dialog oder gar expressives Schauspiel. Anstatt die zunehmende Verzweiflung seiner Charaktere angesichts ihres auseinanderfallenden Lebens direkt auszuformulieren, verdeutlicht ihr Schöpfer die Aussichtslosigkeit ihrer Lage lieber, indem er ihnen den festen Boden der zeitlichen Struktur unter den Füßen wegzieht und die orientierungsspendenden Rituale eines geregelten Zusammenlebens in unübersichtliche Episodenfolgen eines zerrütteten Alltags übergehen läßt.

Was (Anti-)Heldin Ilona inklusive Mann und Hund trotz alledem überleben läßt, ist neben dem schier unerschöpflichen Durchhaltevermögen der ersteren sowie der Solidarität ebenfalls abgestürzter Ex-Kollegen (»Das Leben ist kurz und bitter, genieße es, solange du kannst!«) vor allem die Sympathie des Autors. Jener ist es auch, der schließlich ganz unverhohlen die Rettung schickt, als schon alles verloren scheint – und damit den ersten Protagonisten seiner Laufbahn so etwas wie ein Happy End gewährt: Ilona und Lauri haben es dank einiger kleinerer und größerer Wunder geschafft. Doch daß das System genug Stolpersteine für die Verlierer, die nach ihnen kommen werden, bereithält, ist schon im letzten Bild von Wolken ziehen vorüber zu erahnen. 1970-01-01 01:00

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