— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Der Kandidat

The Best Man. USA 1964. R: Franklin J. Schaffner. B: Gore Vidal. K: Haskell Wexler. S: Robert E. Swink. M: Mort Lindsey. P: United Artists. D: Henry Fonda, Cliff Robertson, Edie Adams, Margaret Leighton, Lee Tracy, Ann Sothern, Kevin McCarthy u.a.
99 Min. United Artists ab 18.6.64

Ein aufschlußreicher Blick hinter die Kulissen einer Präsidentschaftswahl

Von Frank Brenner Franklin J. Schaffner schien keine Glückszahl, sondern eher einen Glücksbuchstaben gehabt zu haben. Seine besten Filme beginnen alle mit dem Buchstaben »P« – seien es der Science-Fiction-Klassiker Planet of the Apes, die Henri-Charrière-Adaption Papillon oder der Film, der ihm seinen wohlverdienten Oscar einbrachte: Patton. Der Kandidat paßt nur scheinbar nicht in diese Reihe. Schließlich dreht sich alles um die große Politik und die bevorstehende Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten. Da hätten wir also wieder das »P«.

Politische Filme gab es ihm Hollywoodkino der 60er Jahre viel zu selten, und Schaffners Beitrag ist die schonungslose Bloßstellung, wie um Macht gekämpft wird, wo Skrupellosigkeit zum Sieg führt und Gewissenlosigkeit eine Stärke ist. Im Zuge der aktuellen Kämpfe zwischen Al Gore und George W. Bush ein überaus interessantes Thema. Dabei geht es in Der Kandidat noch nicht einmal um die entscheidende Wahl, sondern lediglich um die Nominierung des Präsidentschaftskandidaten innerhalb einer Partei, was aber zweifellos einen repräsentativen Anspruch erheben kann.Beim entsprechenden Parteitreffen zeichnet sich eine harte Schlacht zwischen dem liberalen Millionärssohn mit Eheproblemen Henry Fonda und dem konservativen und glücklich verheirateten Mann des Volkes Cliff Robertson ab. Letzterer ist sich nicht zu schade, seinen Gegenkandidaten mit Dreck zu bewerfen, indem er dunkle Punkte aus dessen Vergangenheit ans Licht zu bringen droht. Der Ex-Präsident hingegen favorisiert Fonda und versucht, diesen davon zu überzeugen, dieselben dubiosen Methoden anzuwenden. Doch der Kandidat hat Zweifel: »Ich frage mich, wenn man erst einmal anfängt, seine Skrupel zu verlieren, wo mag das enden?«

Gore Vidal, einer der intelligentesten und talentiertesten amerikanischen Drehbuchautoren, hat für die Konflikte dieses Films exzellente Dialoge ersonnen, die das Ränkespiel veranschaulichen, unbekannte Einblicke in politische Scharmützel gewähren und eine Spannung erzeugen, die man bei derart wortlastigen Filmen nur selten antrifft. Nachdem der Zuschauer so eine Vorstellung von der politischen Realität (nicht nur während der 60er Jahre und nicht nur in Amerika) bekommen hat, erhalten Sätze wie »möge der bessere Mann gewinnen« gleich eine ganz andere Bedeutung. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap