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Infam

The Children's Hour. USA 1961. R: Lillian Hellman, William Wyler. B: John Michael Hayes. K: Franz Planer. S: Robert Swink. M: Alex North. P: Mirisch Company, United Artists. D: Audrey Hepburn, Shirley MacLaine, James Garner, Miriam Hopkins u.a.
109 Min. United Artists ab 16.10.62

Schuld und alte Schulden

Von Manuela Brunner Es gibt nicht viele Filme, zu denen ein Regisseur zurückkehrt, um sie nochmal zu drehen. 1936 entstand die erste Verfilmung von Lillian Hellmans Bühnenstück »The Children's Hour«, und William Wyler selbst war der Meinung, der Geschichte und seiner Autorin etwas schuldig geblieben zu sein: »Miss Hellman's play has not yet been filmed«, soll er gesagt haben.

Auch dem Remake von 1966 steht das Wort »Hays Code« mit Rotstift über manche Szenen geschrieben: Wie präsentiere ich eine Geschichte über zwei Frauen, denen ein homosexuelles Verhältnis nachgesagt wird, wenn doch schon die Worte »Sex« oder »lesbisch« tabu sind? William Wyler erhebt die Restriktion zur Kunst: Das gesprochene Wort wird überflüssig, wenn es so deutlich vermieden wird, wie in der Szene im Auto, als das kleine Mädchen ihrer Großmutter ins Ohr flüstert, wobei sie ihre beiden Lehrerinnen beobachtet haben will. Für den Rest des Gesprächs wird der Chauffeur nach draußen verbannt, und mit ihm der Zuschauer. Später bröckelt die Fassade des Schweigens: Mit niedergeschlagenen Augen kommt Audrey Hepburn das Wort »Liebespaar« über die Lippen, der Richter spricht von »sexuell sündigen Dingen«.

The Children's Hour und sein Vorgänger, der unter dem Titel These Three und ohne »based-on«-Credit für Lillian Hellman in die Kinos kam, illustrieren ein Stück Kinogeschichte: In dem Maße, in dem die 1961er Version des Films langsam konkreter wird – 1936 mußte die vermutete lesbische Beziehung noch auf krudesten Wegen in eine heterosexuelle Eifersuchtsgeschichte umgewandelt werden –, wird auch das Bröckeln des Hays Codes spürbar. The Children's Hour war unter den ersten Filmen, die Kinobesitzer auch ohne das Siegel der Zensoren zeigen wollten, und 1966 schließlich wurde der Hays Code in das bis heute verwendete »Rating«-System umgewandelt.

Auch filmisch ist ein Widerstand gegen das klassische Hollywood-Kino spürbar: Hatte Wyler früher seine Meisterschaft darin bewiesen, die Regeln des ungebrochenen Erzählens und der unsichtbaren Schnitte anzuwenden und zu perfektionieren, so trotzt er hier – zwei Jahre nach Godards A bout de souffle – der Traumfabrik, indem er in einem Film mit klassischer Hollywood-Starbesetzung den als »verstörend« empfundenen Jump Cut einsetzt.

Es sind wieder einmal die Kleinigkeiten, die diesen Film so wertvoll machen – ein Schnitt, der Blick von Shirley MacLaine, das Stirnrunzeln von James Garner. Brillant inszeniert William Wyler mit wohl beobachteten Détails das schwer fassbare Konstrukt der »Gesellschaft«, bis in die Nebenrollen hinein: Miriam Hopkins, die 1936 noch als Martha in einer Hauptrolle auftrat, gibt hier die alternde Theaterdiva und unheilsbringende Tante. Das Motiv der Tante als Repräsentatin der Gesellschaft, ihre gleichzeitige Nähe und Ferne zu ihren Neffen und Nichten, sowie dem damit verbundenen »Klatschtanten«-Potential ist ein Ansatz, bei dem es sich sicher lohnen würde, ihn über mehrere Filme hinweg zu verfolgen. 1970-01-01 01:00
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