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Im Schwarzen Rößl

A 1961. R: Franz Antel. B: Kurt Nachmann, Karl Farkas. K: Hanns Matula. S: Sepp Rothauer. M: Johannes Fehring. P: Neue Delta-Film. D: Karin Dor, Hans von Borsody, Peter Kraus, Trude Herr, Lolita, Josef Egger, Raoul Retzer, Gus Backus u.a.
95 Min.

Ein Klassiker des österreichischen Heimatfilms

Von Oliver Baumgarten Kein Geschichtsbuch, kein Historiker und kein Zeitzeuge vermag derart anschaulich die moralische und soziale Befindlichkeit der ausgehenden 50er in Deutschland und Österreich zu spiegeln wie ein erfolgreicher Heimatfilm. Und schon gar nicht, wenn dieser aus der inszenatorischen Schmiede Franz Antels stammt, jenes Regisseurs, der bis in die 70er hinein (neben Harald Reinl) als der kommerziell erfolgreichste seiner deutschsprachigen Zunft galt. Wie kaum ein anderer verstand es Antel, sei es als Produzent oder Regisseur, den Geschmack der Masse zu treffen, zunächst mit seinen Heimatfilmen, später dann mit Serien von klamaukigen Softsexfilmen. Mit seinem 1967 entstandenen Kassenerfolg Susanne – die Wirtin an der Lahn trat Antel nicht nur eine lange Reihe eigener Wirtin-Filme los mit Titeln wie Frau Wirtin bläst auch gerne Trompete, sondern lieferte damit seinen Beitrag, um die schlummernde Lust nach Frivolität im deutschsprachigen Kinogänger nachhaltig offenzulegen. Herr Kolle und die Schulmädchen werden es ihm gedankt haben.

Sein 1961 gedrehter Film Im Schwarzen Rößl markiert eine Zeit des Übergangs. Die Hochphase des Operetten-, Berg- und Förster-Heimatfilms neigte sich dem Ende. Die Kinokrise hatte eingesetzt, und die Macher suchten verzweifelt nach Konzepten, um dem Wallace-Krimi-Boom etwas entgegnen zu können. Als 1960 Werner Jacobs' Remake von Im Weißen Rößl reüssierte, hängte sich Antel mit seinem Schwarzen Rößl dran, genügte dem Operettenhaften durch Schlagersänger (Kraus, Backus), mischte ländliche Heimatansichten mit Weinstubenatmosphäre und bekam von den Autoren die dankbare Hauptrolle eines ehemaligen Nummerngirls geliefert. Karin Dor nämlich erbt ein Hotel direkt an einem austrischen See und tritt in (natürlich turbulente) Konkurrenz zur Nachbarpension. Zweifellos ist damit Karin Dor Franz Antels erste Wirtin. Als leicht verruchtes »Nummerngirl« verweist sie unleugbar auf kommende »Wirtinnen« und bildet eine seichte Hinwendung zum später so populären Frivolen, das sich einen Sport daraus zu machen begann, die Grenzen der FSK unbemerkt immer weiter zu dehnen.

Trotzdem wirkt Karin Dors Figur zunächst ungewöhnlich selbstbewußt und selbständig – mehr als ihr bis dato zum Beispiel zeitgleich in den Edgar-Wallace-Filmen zugestanden wurde. Glänzte sie dort nicht selten in erster Linie als bezaubernde Scream-Queen, so darf sie hier zumindest so lange »Chefin« sein, bis dann schließlich doch ein Mann die Zügel in die Hand bekommt. Wahre Gleichberechtigung wäre des Guten im Unterhaltungsfilm 1961 auch wirklich ein bißchen zu viel.

Trotz derbem Klamauk und 50er-Jahre-Schlagerrelikten aber gehört Franz Antels Im Schwarzen Rößl zu den Filmen, die einen spannenden Aufbruch in eine deutschsprachige Filmära bezeichnen, die bis in die 70er hinein dauern sollte und die gerne als peinlichste Zeit in der Geschichte des Nachkriegsfilms angesehen wird. Dieses Urteil allerdings kann nur aus den 80ern stammen. Dort nämlich gab es überhaupt keinen deutschen Unterhaltungsfilm. Was, bitte, kann peinlicher sein? 1970-01-01 01:00
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