— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Herkules und die Königin der Amazonen

Ercole e la regina di Lidia. F/I 1958. R,B: Pietro Francisci. B: Ennio di Concini. K: Mario Bava. S: Mario Serandrei. M: Enzo Masetti. P: Galatea Film, Lux Film, Lux de France. D: Steve Reeves, Sylvia Lopez, Gabriele Antonini, Sylva Koscina u.a.
101 Min. Constantin ab 29.3.60

Irrfahrt im Zitatenmeer

Von Annika Höppner Jahrhunderte lang benutzten Herrscher zur Legitimation ihrer uneingeschränkten Macht das Bild des Herkules. Halbgott, überaus stark, aber vor allem tugendhaft, sollte dies dem Volk die guten Eigenschaften seines göttergleichen Herrschers vorführen. Kostümiert als Herkules war so jegliche Willkür erlaubt. In den prüden 50ern erfüllte dieses Kostüm eine ganz andere Funktion: Nackte, eingeölte und überaus muskulöse Männer und leichtbekleidete Frauen durften durch diesen kulturellen Anstrich endlich auf der Leinwand erscheinen. Fernab von Pornographie war für sie ein Genre gefunden, das besonders heute auch in der Homosexuellenszene Anklang findet.

In Herkules und die Königin der Amazonen erfüllt das Herkuleskostüm jedoch eine ganz andere Funktion. Männliche Urprobleme wie Ehebruch oder Angst vor starken Frauen werden hier legitimiert und parodiert. Herkules tappt, mit seinen Muskeln protzend, in die offensichtliche Falle und wird von der schönen, aber gefährlichen Amazonenkönigin nach Atlantis verschleppt, um dort, wenn er als Liebhaber ausgedient hat, als Statue zu enden. Baumstammwerfende Muskelprotze und sumoringende Riesen lassen ihre Muskeln spielen, wie sie nie zuvor gesehen wurden. Und Figuren tauchen auf, die man in einer Geschichte nie zusammen vermutet hätte. Äußerst frei wird hier die antike Mythologie zusammengeschnitten. Homers griechischer Odysseus macht einen Zeitsprung in Richtung römischen Herkules, dessen Lehrling er darstellt. Sophokles' tragischer Ödipus, der Muttersöhnchen kulturell entschuldigt, darf als Wiedererkennungseffekt nicht fehlen, und das berühmte versunkene Atlantis ersetzt die ursprüngliche Heimat der Amazonen. Diese haben, um ihre Reize zu steigern, statt einer doch zwei Brüste und sind alles andere als männerfeindlich. Und in jedem gefährlichen Kampf fragt man sich, was der alte und gebrechliche Äskulap an Herkules' Seite macht. Während man um ihn zittert, geht einem vielleicht auf, daß wieder sein bekannter Name Schuld an seinem vorzeitiges Ableben haben könnte.

Sprachlich und inhaltlich wurden Ansprüche an die Helden und seine Gespielinnen gänzlich vermieden, denn eine gar zu kulturelle Handlung ob der antiken Geschichten wäre kulturell sehr einseitig geworden. Vielmehr soll wohl gerade durch die platten Dialoge und das gorillagleiche Gehabe des Protagonisten bildlich die nötige Einheit von purer Stärke und scharfsinnigem Geist, verkörpert durch Odysseus, dargestellt werden. Vor allem aber parodiert der Film typische Ausreden nach dem Fremdgehen, in denen immer der Alkohol oder die weiblichen Verführungskünste schuld sind und die Fremdgegangenen bloß Opfer sind, denen übel mitgespielt wurde. Die phantasievolle Zitatensammlung aus der Antike wirkt zwar befremdend, unterstützt jedoch die Parodie, in dem sie dieser einen adäquaten Rahmen gibt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap