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Die Feuerzangenbowle

D 1944. R: Helmut Weiss. B: Heinrich Spoerl. K: Ewald Daub. S: Helmut Schönnebeck. M: Werner Bochmann. P: Terra. D: Heinz Rühmann, Hilde Sessak, Karin Himoldt u.a.
97 Min. Deutsche Filmvertriebs GmbH ab 28.1.44

Zuckersüße Nostalgie

Von Katja Spranz »Kultfilme sind Filme oder Serien, um die eine meist eher kleine, aber umso treuere Anhängerschaft einen Fan-Kult betreibt, oft noch Jahre oder Jahrzehnte nach der Premiere in den Kinos. Dies äußert sich etwa durch das regelmäßige Anschauen, durch Riten bei der Vorführung, durch das Zitieren von Textpassagen bis hin zur Übernahme von ganzen Philosophien, Kunstsprachen oder Uniformen.« (Wikipedia – Die freie Enzyklopädie)

»Erst wenn eine spezielle Zuschauergruppe durch einen Film (und nicht etwa durch geschickte PR-Maßnahmen) veranlaßt wird, sich zu aktivieren, d.h. im Zusammenhang mit diesem Film eigene Kreativitäten zu mobilisieren, kann man von einem Kultfilm sprechen. Kultfilme werden also auch ›gemacht‹, aber nicht von Produzenten, sondern von einem Teil der Konsumenten, den Kultisten.« (Hahn/Jansen 1998)

Die Erwähnung von Die Feuerzangenbowle geht immer einher mit dem Terminus »Kultfilm«. Es ist mehr als ein Film, es ist ein Teil des deutschen Kollektivbewußtseins. Schüler, Studenten, Berufstätige, Rentner: Hier sind sich alle einig, der Film ist »Kult«.

Wie es im Nachspann heißt: »Wahr sind auch die Erinnerungen, die wir mit uns tragen; die Träume, die wir spinnen und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.« Nicht nur die Realität existiert, sondern auch die Erinnerung, möge sie auch verfälscht sein.

Hier geht es nicht um die Schule, wie sie gewesen ist, sondern wie sie hätte sein sollen: mit Lehrern, die alle »Originale« sind (»Wo simmer denn dran? Aha, heute krieje mer de Dampfmaschin. Also, wat is en Dampfmaschin? Da stelle mehr uns janz dumm. Und da sage mer so: En Dampfmaschin, dat is ene jroße schwarze Raum, der hat hinten un vorn e Loch. Dat eine Loch, dat is de Feuerung. Und dat andere Loch, dat krieje mer später.«); mit Schülern, die auf Teufel komm raus zusammenhalten, und mit Streichen, die immer lustig sind. Niemand hat so eine Schulzeit erlebt, aber alle erinnern sich gerne so an »die gute alte Zeit«, die selbstverständlich durch die Erinnerung verklärt wird. Das Jammern über die Gegenwart und das Glorifizieren der Vergangenheit gilt als deutsche Eigenschaft, vielleicht ist Die Feuerzangenbowle auch deshalb so beliebt. Schließlich ist das Wichtigste für den Erfolg eines Films das Wechselspiel zwischen Werk und Rezipient.

Es ist müßig, den Inhalt nachzuerzählen, ebenso ist seine Geschichte allgemein bekannt: Als der Film abgedreht ist, wird er zunächst verboten – Nazi-Bildungsminister Bernhard Rust hatte sich empört, weil Lehrer, an denen es wegen des Krieges fehlte, im Film lächerlich gemacht wurden. Rühmann, der Star, ließ seine Kontakte spielen. Trotz der etwas biederen Moral des Films ist es kein Propagandafilm, die Autorität wird zwar letztendlich nicht in Frage gestellt, aber auch nicht verherrlicht.

Weihnachten ist die Zeit der zuckersüßen Nostalgie, deswegen ist dieser Klassiker ein absoluter Weihnachtsfilm, bei dem es einem warm ums Herz wird – eigentlich nicht wegen der Handlung, sondern weil man an vergangene, friedliche Abende im Kreis der Familie denkt – bei denen man logischerweise Feuerzangenbowle trinkt. Aber bitte, damit es einem nicht »öbel« wird (vor allem, wenn man noch autofahren muß): »Jädar nor einen wänzigen Schlock.« 1970-01-01 01:00
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