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Das Fenster zum Hof

Rear Window. USA 1954. R: Alfred Hitchcock. B: John Michael Hayes, Cornell Woolrich. K: Robert Burks. S: George Tomasini. M: Franz Waxman. D: James Stewart, Grace Kelly, Wendell Corey, Thelma Ritter u.a.
107 Min. Paramount ab 8.4.55

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Von Thomas Waitz In wenigen, knappen Einstellungen und mit Hilfe einer eleganten, geschickt geführten Kamerafahrt legt Alfred Hitchcock bereits in den ersten Sekunden das vollständige Setting und die bestimmende Thematik seines Films offen: Der Innenhof, ein scheinbar geschlossenes soziales System, die Menschen in ihm, ihr Handeln, ihre »Differenz« und der Protagonist inmitten eines geschäftigen Treibens – selbst zur Untätigkeit verdammt, zum Beobachten, sitzend am titelgebenden Fenster zum Hof.

James Stewart spielt den nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselten Pressefotographen Jeffries. Wir lernen ihn als ruhelosen Abenteurer kennen, dem die Entscheidung, seine Verlobte zu ehelichen, sichtlich Probleme bereitet. Zu seiner Zugehdame sagt er einmal: Die Ehe, das sei das Schlimmste. Seine berufliche Tätigkeit und die durch die Verletzung erzwungene Konstellation passiven Schauens verweist dabei emblematisch auf eine der beiden zentralen Ebenen des Films und die Grundhaltung des Kinos an sich. In der Thematisierung des filmischen Blicks, der Fotographie und der Rolle des Betrachters liegt gleichsam eine Verdoppelung der Leinwand – und damit das Spiel zwischen scheinbar »objektiv« vorhandener, vorgefundener Wirklichkeit und der eigenen Wahrnehmung und Deutung. Es ist kein Zufall, daß erst im Anblick des Anderen, des Fremden, das Eigene sichtbar wird.

Das Eigene: es bildet eine zweite, psychologisch reflektierte Ebene des Films. Vordergründig als Kriminalgeschichte entwickelt, spricht Das Fenster zum Hof von der Beziehung der Geschlechter, einem in filmischer Sicht freilich äußerst dankbaren Konflikt, der dementsprechend komödiantisch zur Geltung kommt. In seiner nach Außen tretenden zirkulären Struktur findet dennoch eine »klassische« Läuterung des Helden statt, aber es ist eine, welche zur Voraussetzung die (auch innerdiegetische) Perspektive auf das Handeln des spiegelbildlich gegenüberstehenden Anderen hat (hier: der beobachtete Mann von gegenüber). Eine Perspektive, die selbstredend zurückweist auf die eigene Person (des Betrachters / des Zuschauers): Erst angesichts jener Differenz wird das Erkennen der eigenen, bisher verdeckt liegenden Wünsche möglich – und sei es einer dergestalt, sich der Verlobten zu entledigen.

Die Prinzipien des klassischen Hollywood-Stils wurden selten ästhetisch und formal konsequenter umgesetzt als in Das Fenster zum Hof, einem der sowohl künstlerisch wie auch kommerziell erfolgreichsten Filme Hitchcocks. 1970-01-01 01:00
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