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Der Engel, der ein Teufel war

Voici le temps des assassins. F 1956. R,B: Julien Duvivier. B: Maurice Bessy, Charles Dorat, P.A. Breal. K: Armand Thirard. M: Joseph Kosma. P: Société Nouvelle Pathé Cinéma. D: Jean Gabin, Danièle Delorme, Gérard Blain, Lucienne Bogaert u.a.
113 Min.

Alptraum in »Les Halles«

Von Andrea Keil Mit Der Engel, der ein Teufel war inszenierte Julien Duvivier einen Film noir der finstersten Sorte voll von zynischen Hinterlistigkeiten, diabolischen Frauen (eines von Duviviers Lieblingsthemen) und düsteren Milieustudien. Darüber hängt der für den Regisseur typische Schleier des Pessimismus, der noch aus jener tristen Grundstimmung der 30er und 40er-Jahre her rührt. Hauptprotagonist ist Jean Gabin, den Duvivier bereits in Dramen wie Menschen im Norden, Das Kreuz von Golgatha oder Pépé le Moko jene kraftstrotzenden, zugleich aber auch verzweifelten Charaktere spielen ließ.

In diesem Psychothriller wird er in der Rolle eines Gourmet-Gastronomen von seiner Stieftochter Catherine sowie seiner Ex-Frau Gabrielle, die durch einen teuflischen Plan an sein Vermögen kommen wollen, hinters Licht geführt. Mit einer ähnlichen Skrupellosigkeit konfrontiert Duvivier seine Zuschauer mit teilweise recht abscheulichen Mordszenen: So wird beispielsweise in einer alptraumhaften Sequenz ein zugegebenermaßen nicht ganz unschuldiges Opfer von einem Hund zerfleischt.

Neben Panique und Pépé le Moko ist dieser Film einer der eindrucksvollsten aus dem Spätwerk des französischen Regisseurs, dessen glorreichen Zeiten ansonsten eher in den ersten drei Dekaden nach der Ablösung des Stummfilms durch den Tonfilm angesiedelt sind – eine Phase, in der er mit seinen Filmen vor allem den Begriff des poetischen Realismus prägte. François Truffaut schrieb am 18. April 1956 in der »Arts«, daß ihm von den 23 Filmen, die er von Duvivier gesehen habe, Der Engel, der ein Teufel war als der beste erscheine. Dahingehend mag man sich sicher streiten können, betrachtet man eine Reihe anderer Meisterwerke, die ebenfalls von der so wunderbar in Szene gesetzten unheilschwangeren Atmosphäre genährt werden.

Besonders faszinierend ist in eben diesem Thriller der Drehort: »Les Halles«. Dem riesigen Lebensmitteltempel im Herzen von Paris, der Ende des 19.Jahrhunderts mit der Inbegriff architektonischer Innovation war und dem Zola in seinem Roman »Le ventre de Paris« einige hundert Seiten Ortsbeschreibung widmet, wurde 1956 mittels Duviviers Kameraführung gehuldigt. Jene Markthallen fielen später einer radikalen Sanierungs- und Modernisierungspolitik zum Opfer. So gesehen ist der Film nicht nur spannend, sondern erfüllt zudem eine Funktion als Zeitdokument. 1970-01-01 01:00
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