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Duell am Missouri

Missouri Breaks. USA 1975. R: Arthur Penn. B: Thomas McGuane. K: Michael Butler. S: Dede Allen, Jerry Greenberg, Stephen A. Rotter. M: John Williams. P: Elliott Kastner. D: Marlon Brando, Jack Nicholson, Randy Quaid, Kathleen Lloyd, John McLiam u.a.
126 Min. United Artists ab 16.9.76

Die Zeit anhalten

Von Mark Stöhr Es gibt eine Arbeit des schottischen Videokünstlers Douglas Gordon, in der jedes Bild aus John Fords Western The Searchers 14 Minuten lang zu sehen ist, und deren komplette Projektion fünf Jahre dauert. Die Zeit wird in ihrer extremen Verlangsamung zum Hauptakteur der Erzählung, zum körperlich erfahrbaren Material der Wahrnehmung und darüberhinaus das Westerngenre seines Bewegungsmythos' beraubt.

Auch Arthur Penn hält in Duell am Missouri immer wieder die Zeit an und schlägt in die vorwärtsdrängende Dramaturgie der Handlung Ellipsen und Erosionen und bricht damit mit Traditionen des Westerns – wie schon sechs Jahre zuvor, als er mit Little Big Man die von Legenden umrankte amerikanische Pionierzeit zu entmythologisieren verstand. In Duell am Missouri fragt in einer Szene Jane Braxton, die ihrer Jungfräulichkeit überdrüssige Rancherstochter, den Pferdedieb und Freudenhausabonnenten Tom Logan: »Wollen wir nicht ein bißchen spazierengehen und uns über den wilden Westen unterhalten und wie zum Teufel man da rauskommt?«.

Da stehen beide ziemlich ratlos irgendwo in der Ödnis von Montana, ungeübt in der Kunst der zärtlichen Annäherung, unruhig angesichts der Folgen dieser verbotenen Liaison, aber auch unsicher gegenüber den Rollenzuschreibungen von Cowboy und Westerngirl. Der Film trägt im Original den Titel Missouri Breaks, und dieser beschreibt viel präziser den Willen der Figuren, aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen, und den des Filmemachers, Stereotypen des Genres zu verlassen.

Die äußere Handlung bringt zunächst Altbekanntes: Eine Gruppe von Pferdedieben wird von dem mächtigen Rancher David Braxton verfolgt, der auf sie den Killer Robert Clayton ansetzt. Menschen werden an Bäumen aufgehängt oder hinterrücks erschossen, Pferde heimlich aus ihren Gattern gelassen und über die Prärie auf neue Weiden gejagt. Doch bald wird Recht zu Unrecht, Unrecht recht und billig und Skrupellosigkeit zum notwendigen Gesetz des Überlebens. Die Brutalität ist immens und übersteigt das herkömmliche Maß im Kampf zwischen Gut und Böse. Marlon Brando als Auftragsmörder agiert als omnipräsente Zeitbombe mit Hang zu Frauenkleidern und überzieht den Film mit einem Klima psychopathisch-dämonischer Beunruhigung. Häufig nimmt die Kamera die Perspektive seines Feldstechers ein, mit dem er sein nächstes Opfer fokussiert - ein verwackelt-unscharfes Tele des Todes. Sein Gegenspieler, Jack Nicholson als »König der Diebe«, ist dagegen erdiger und berechenbarer, ein derber, mit ausreichender Bauernschläue ausgestatteter Kleinganove, mitnichten jedoch eine zur Identifikation einladende Lichtgestalt. Duell am Missouri ist in dieser Hinsicht ein typisches Kind der 70er: Er setzt an die Stelle eines straighten, treibenden Heldenepos' ein poröses Psychodrama. Das macht ihn für uns heute möglicherweise fremder, in keinem Fall aber weniger sehenswert. 1970-01-01 01:00
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