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Don't Look Back

Don't Look Back. USA 1967. R,B,K,S: D.A. Pennebaker. K: Howard Alk, Jones Alk. M: Bob Dylan. P: John Court, Albert Grossman. D: Bob Dylan, Albert Grossman, Bob Neuwirth, Joan Baez, Alan Price, Tito Burns, Donovan, Derroll Adams u.a.
96 Min.

Bob Dylan Revisited

Von Sascha Seiler 1965 hatte Bob Dylan ein radikales Statement in Form einer neuen Langspielplatte namens »Bringing It All Back Home« veröffentlicht. Im darauffolgenden Jahr ging er damit auf eine längere Tournee durch England und versuchte, die von ihm entwickelte ästhetische Vision vom Tonträger auf die Bühne zu übertragen, indem er die erste Hälfte des Konzerts lediglich mit einer akustischen Gitarre und einer Mundharmonika bestritt, die zweite allerdings mit einer Rockformation im Rücken – den damals noch unter dem Namen »The Hawks« spielenden »The Band«.

Innerhalb der wertkonservativen Folk-Gemeinde entstand ein Aufruhr, der auf besagter Tournee bei einem Konzert in Manchester in einem der legendärsten Momente der Rockmusik gipfelte: Ein Zuschauer bezeichnet Dylan als Judas, der antwortet mit den Worten: »I don’t believe you. You are a liar«. Und zur Band: »Play fuckin’ loud«. Das mag auf den ersten Blick wie ein banaler Wortwechsel zwischen Publikum und Star wirken, doch das Entscheidende an diesem Moment war, daß Dylan seine schon im Folk-Kontext revolutionären textlichen Neuerungen auf einen wesentlich größeren Rezipientenkreis übertragen hatte, indem er laut und vor allem auf elektrisch-verstärkten Instrumenten spielte.

Heutzutage wirkt die Thematisierung der sozialen Bedeutung, die in diesem und ähnlichen Ereignissen der 60er Jahre verwurzelt war, reichlich veraltet; schwer kann man sich vorstellen, daß ein Rockmusiker großen Anteil an einem kulturellen Umbruch haben könnte, waren doch Rocktexte vor Dylan nichts anderes als mehr oder minder wohlklingendes, banales Beiwerk zur Musik. Gerne vergißt man dabei allerdings auch, daß Dylans Dasein als Protestsänger von relativ kurzer Dauer war. Schnell wandte er sich neuen Inspirationsquellen wie der amerikanischen Country-Ästhetik, den französischen Symbolisten und später den »Wiedergeborenen Christen« zu. Nach 1975 verschwand er zunehmend in der Bedeutungslosigkeit, bis ihm mit »Time Out Of Mind« 1998 ein von Kritikerlob überhäuftes neues Album gelang.

D. A. Pennebaker dokumentiert in Don't Look Back besagte England-Tournee und wirft dabei den Zuschauer mitten hinein ins Geschehen, indem er ihn einfach nur lange zuschauen und dadurch passiv am sich hinter den Kulissen abspielenden Geschehen teilhaben läßt. Die Kamera scheint gar nicht präsent zu sein, keine Off-Kommentare und keine erkennbare Erzählstruktur stören, wie sonst bei Popmusik-Dokumentationen, den Fluß der Impressionen, die Dylan auf der Bühne, vor allem aber im Backstage-Bereich zeigen, etwa beim Scherzen mit Freunden und beim Provozieren von Journalisten. Pennebaker zeigt aber auch die in den 60er Jahren oft verschwiegene, kapitalistische Seite des Rock’n’Roll in Gestalt von Dylans berüchtigtem Manager Albert Grossman und dessen abgeklärten Verhandlungsmethoden.

Das Bild, das der Zuschauer von Bob Dylan vermittelt bekommt, paßt wenig zum Klischee des Friedensapostels und sensiblen Poeten, das in den 60er Jahren gerne bemüht wurde. Wir erleben einen jungen Mann, der seine offensichtliche Unsicherheit im Umgang mit seinem neuerworbenen Status durch Arroganz und Überheblichkeit gegenüber seinen jugendlichen Anhängern und der renommierten amerikanischen Presse zu kompensieren versucht. Man hört den Sänger endlose Monologe als Angriffe auf ein von ihm verhaßtes Establishment halten, die sich nach weniger Zeit in sich selbst verlieren und somit selbstreferent bleiben, da sie keine Aussage außer dem reinen »Dagegen-Sein« vermitteln.

Die Meisterleistung Pennebakers liegt darin, daß es ihm offensichtlich gelungen ist, Bob Dylan solange mit der Kamera zu verfolgen, bis dieser sie wohl erst verdrängt und dann vollkommen vergessen hat. Das macht den Film jenseits der Oberflächlichkeit der meisten Rockdokumentationen zu einem äußerst sehenswerten Zeitdokument auf der einen Seite, sowie durch seine Unmittelbarkeit zu einer Meisterleistung im Bereich des Dokumentarfilms im allgemeinen. Give the anarchist a cigarette. 1970-01-01 01:00
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