— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Doktor Popaul

Docteur Popaul. F/I 1972. R: Claude Chabrol. B: Paul Gégauff. K: Jean Rabier. S: Jacques Gaillard. M: Pierre Jansen. P: Les Films La Boëtie, Cerito Film, Rizzoli Film. D: Jean-Paul Belmondo, Mia Farrow, Laura Antonelli, Daniel Ivernel u.a.
97 Min.

Chabrol mag’s häßlich

Von Thomas Warnecke Der diskrete Charme der Bourgeoisie kommt hier ziemlich aufdringlich daher: in Gestalt des aufstrebenden Arztes Paul (»Popaul«) Simay, mit grimassierender Verve verkörpert von Jean-Paul Belmondo. Der kennt kein größeres Vergnügen, als besonders unattraktive Frauen zu verführen und damit im Freundeskreis zu prahlen. Und da gerät er an die Frau seines Lebens: Mia Farrow ist mit Glasbausteinen und groteskem Kaninchengebiß (ist das echt?) nicht nur besonders häßlich, sondern auch Tochter des Chefs einer Privatklinik, die Simay dann mit der Heirat übernimmt. Es folgt: ein bunter Reigen von Szenen, mit denen Chabrol der Institution Familie ans Bein pinkelt und sie als ein sich trotz aller Verderbtheit selbst perpetuierendes System entlarvt. Bei den Familienfeierlichkeiten ist natürlich der Klerus als erster am Buffet.

Doch neben der bei Chabrol ständig gegenwärtigen Familienkritik findet er hier eine weitere, dankbare Zielscheibe seines Spotts: den Ärztestand nämlich, der schon Molière zu den witzigsten und schärfsten Attacken reizte. Die Halbgötter in Weiß sind in Docteur Popaul nichts als ein verschworener Haufen von Quacksalbern, aber im Geschlechterkampf verfügen sie eben über die besten Waffen: so werden allerlei Pillen vertauscht, falsche Diagnosen gestellt und ganze Unterleiber lahmgespritzt …

Wie seine besten Werke siedelt Chabrol auch diese Komödie in der Provinz an, was hier aber eine besondere Mischung ergibt: der Landmief gibt einen fast bizarren Kontrast zum aseptischen »Geruch« der Klinikflure, deren kaltes Weiß Jean Rabier ebenso treffend ins Bild setzt wie die vielen Farben der wechselnden Jahreszeiten. Diese Verankerung im Ländlichen, verbunden mit allerlei Bauerntölpelei vom Traktor- bis zum Angler(!)unfall verleihen der Rückblendenerzählung des Docteur Popaul den Charakter einer Schelmengeschichte, und man sieht es dem Film an, daß er Chabrol und Belmondo, aber bestimmt auch der manchmal wirklich komischen, weil richtig in Szene gesetzten Mia Farrow eine Menge Spaß gemacht haben muß: Spaß, der sich auf den Zuschauer überträgt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap