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Der Boß

Comptes à rebours. F/I 1970. R,B: Roger Pigaut. B: André G. Brunelin. K: Jean Tournier. S: Gilbert Narot. M: Georges Delerue. P: Filmel, Ciné Azimut. D: Simone Signoret, Serge Reggiani, Charles Vanel, Jeanne Moreau, Michel Bouqet u.a.
98 Min. Nobis ab 5.1.73

Simone und die üblichen Verdächtigen

Von Thomas Warnecke Zusammen haben sie ihre besten Rollen gespielt: Serge Reggiani und Simone Signoret, die am 25. März 80 Jahre alt geworden wäre. 1950 ließ Max Ophüls sie in La Ronde luftig-leichte Liebespirouetten vollführen. Schon ein Jahr später spielten sie unter der Regie des viel zu früh verstorbenen Jacques Becker in einem der schönsten Belle-époque-Filme Goldhelm (Casque d'Or) ein wunderbar ungleiches Paar: Sie ist die selbstbewußte, agile Gangsterbraut, er ein eher zurückhaltender, fast zarter Tischler; und aus ihrer heiteren Liaison wird ein tragisch-blutiges Drama.

Wenn jetzt zum Geburtstag keines dieser oder der vielen anderen Glanzlichter aus Signorets Karriere gezeigt wird, sondern mit Der Boß ein weniger bekannter Film, dann hat das viele gute Gründe. Ein wesentlicher liegt darin, daß Simone Signoret wie kaum ein anderer weiblicher Filmstar zu ihrem Älterwerden stand und sich damit ein völlig neues, breites Terrain an Rollen erschloss. In Compte à rebours, so der Originaltitel, der soviel wie »rückwärts zählen« bedeutet, ist sie wieder eine Gangsterbraut. Diesmal jedoch nicht an der Seite Reggianis – Frauen altern wohl schneller auf der Leinwand: Jetzt ist sie als Lea für Reggiani und seine Kumpane eher so etwas wie eine respektierte Mutterfigur, freilich an der Seite eines ehrfurchtgebietenden Mannes: der große Charles Vanel ist der verstummte und an den Rollstuhl gefesselte Exgangster Giulianni, um den sie sich mit zärtlicher Fürsorge kümmert, und dessen Rolle im Kreise der Gangster sie quasi als sein Sprachrohr übernommen hat. Reggiani ist Nolant, der als einziger nach einem Banküberfall ins Gefängnis mußte, bei der Verhaftung im Kugelhagel auch noch seinen Bruder verlor, und jetzt nach zehn Jahren wieder auf freiem Fuß ist. Die Vermittlungsversuche Leas zwischen ihm und seinen ehemaligen Gefährten, denen er Verrat unterstellt, schlagen fehl, sein Rachefeldzug beginnt ausgerechnet in ihrem Garten, wo ihn einer der vermeintlichen Verräter aus Angst erschießen will.

Die erst zweite Regiearbeit Roger Pigauts sieht dank der guten Schauspielerführung des erfahrenen Darstellers Pigaut mit Gespür für das Rituelle und die Details des Gangsterfilms sehr gelungen aus, mit seinem Cutter Gilbert Narot fügt er die Geschichte, die von der Vielzahl der (zuwider) handelnden Charaktere bestimmt ist, in einem lakonischen Rhythmus zusammen; die sichere Kameraführung Jean Tourniers setzt die Figuren in das Licht einer Szenerie, wie sie in ihrer melancholischen Traurigkeit der Privatzimmer und der Genauigkeit des Milieus bestimmend sein sollte im französischen Kino der 70er Jahre. Vor allem ist es die eingängige, zugleich warmherzige und traurige Musik des großen Georges Delerue, die wie in Godards Verachtung (Le Mépris, 1963) als ein wesentliches Motiv des Films ihr Eigenleben führt.

Dem klassischen Gangsterthema von Verrat und Rache – die sich hier übrigens völlig ohne Hysterie vollzieht; Nolant sieht nicht Rot, er zählt einfach rückwärts – stellt sich hier, da die Handlung erst nach den zehn Jahren der Haft einsetzt, noch das des Alterns an die Seite. Alle Stars, mit denen dieser Film gespickt ist, haben den Zenit jugendlicher Attraktivität bereits überschritten, was die Figuren jedoch weitaus kompletter, eben vom Leben geprägt erscheinen läßt – und etwa im Falle Jeanne Moreaus, die eine ehemalige Geliebte Nolants spielt, durchaus keine Minderung ihrer Anziehungskraft bedeutet. Wie bei den anderen, besonders bei Signoret und Reggiani, scheint das Alter ihre Präsenz noch erhöht zu haben. Reggianis immer etwas müdes Gesicht mit dem schlaff herabhängenden rechten Augenlid scheint auf die Falten nur gewartet zu haben, die ihm abwechselnd Melancholie, Härte und den Abglanz einer bewegten Vergangenheit verleihen. Jean Desailly, der den Ehemann Jeanne Moreaus, und Michel Bouquet, der einen an der Verhaftung Nolants unmittelbar beteiligten Versicherungsagenten spielt, verkörpern dagegen einen Typ Mann, der immer irgendwie zwischen Vierzig und Fünfzig aussieht; bei Desailly verstärkt dies ein Rest vom jugendlichen Blick, mit dem er als ebenfalls schon Gealterter Françoise Dorléac in Truffauts La peau douce folgte; bei Bouquet ist es die bis an Zynismus reichende kalte Glätte und Abgeklärtheit, die ihn als zugleich äußerlich teilnahms- wie eigenschaftslos erscheinen lassen.

In diesem Sinne einer Geschichte des Alterns bilden Signoret und Vanel das Zentrum. Charles Vanel, in seine Rollen immer schon undurchschaubar und meist auch wortkarg, brilliert hier, der Sprache und der Beweglichkeit beraubt, durch das ausdrucksstarke Spiel seines zerfurchten Gesichts und vor allem seiner trüben Augen. Sechs Jahre später beeindruckte er noch einmal mit einem stummen Auftritt in Francesco Rosis Die Macht und ihr Preis (Cadaveri eccelenti). Die Bitterkeit über den körperlichen Verfall, die aus seinen Blicken spricht, die Altersmüdigkeit, die bei Reggiani noch eher eine Andeutung ist, lassen den Fatalismus, der so manche französische Gangsterfilme oft prätentiös-existentialistisch daherkommen läßt, konsequent erscheinen – das Alter, der näherrückende Tod verschonen keinen.

Simone Signoret, die einmal eine sowohl herbe wie ironisch-laszive Schönheit war, verkörpert dagegen die Würde des Alters. Keine Schminke kaschiert die Spuren des Alters, ihr Gesicht wirkt gequollen, die Lider lasten schwer über den Augen, die Lippen vermitteln nur eine Erinnerung an frühere Verheißungen, und ihre Figur sieht nicht danach aus, als wollte sie sich mit Diät und Fitneß in einen früheren Körper zurückzwängen – doch jede Bewegung verrät Beherrschung, zeigt die Selbstsicherheit einer reichen Lebenserfahrung. Ihr gelingt es, ihren Mann seine Lage nicht als demütigend empfinden zu lassen. Die in dem ganzen Gangsterrummel fast beiläufig ablaufenden, wenigen Momente zwischen ihr und Vanel sind Zeugnisse einer großen Intimität, eines Verständnisses, daß ohne Worte und mit wenigen Gesten auskommt. Erst der Schmerz, als sie an ihm Verrat begangen hat, weil sie, um ihn zu schützen, einen anderen verriet, läßt sie kraftlos der Freudlosigkeit eines Lebensabends entgegensehen, der auch für sie keine Erlösung bereithält. Im wirklichen Leben starb Simone Signoret am 30. September 1985, mit 64 Jahren. 1970-01-01 01:00
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