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Folgeschäden

D 2004. R: Samir Nasr. B: Florian Hanig. K: Bernhard Jasper. S: Nana Meyer. M: Oliver Biehler. P: Maran Film. D: Mehdi Nebbou, Silke Bodenbender, Jürgen Hentsch, Mahmoud Alame u.a.
88 Min.

Saat des Zweifels

Von Patrick Hilpisch Nachttanke-Regisseur Samir Nasr macht es einem schon schwer, sein Spielfilm-Debüt nicht als eindringliche Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Terror-Panikmache nach dem 11. September auf eine »Multikulti-Familie« in Hamburg abzufeiern. Greift er doch ein noch immer virulentes Thema auf, setzt durchweg überzeugende Darsteller ein und verfolgt ein clever durchdachtes visuelles Konzept. Einen politischen Film zu machen, ohne plakativ zu sein – das war die Prämisse des Regisseurs bei der Produktion des Filmes. Zu diesem Zweck setzt er laut eigener Aussage direkt in der sozialen Realität eines algerisch-deutschen Pärchen ein, bei »Menschen wie du und ich«. Ein Hochzeitsvideo rückt den muslimischen Virologen Tariq Slimani in den Dunstkreis einer Hamburger Terror-Zelle und ins Blickfeld der Behörden. Von den Vorwürfen gegen ihren Mann überrumpelt, regt sich bei Maya Slimani allmählich Mißtrauen gegen den liebevollen Vater ihres Kindes. Weitere Zwischenfälle und Ungereimtheiten treiben mehr und mehr einen Keil zwischen das junge Paar, und die vermeintliche Familienidylle kollabiert zusehends.

Mit der Taktik, die Folgeschäden des 11. Septembers am Einzelschicksal einer jungen Familie aufzuzeigen, betritt Nasr kein Neuland. Und ob eine solche Herangehensweise vor plakativer Darstellung schützt, bleibt fraglich. Bedauerlicher ist jedoch, daß die Verdichtungen von Verdachtsmomenten gegen den »Schläfer in spe« in ihrer der dramaturgischen Goutierbarkeit geschuldeten Konstruiertheit mit dem weitgehend auf Authentizität ausgelegten Grundton des Filmes kollidieren. Dieses Zugeständnis an einen genretypischen Spannungsrahmen trübt die Feierlaune bezüglich des Films dann doch ein wenig ein. Da hätte mehr Verhältnismäßigkeit gut getan. Dennoch – und das gibt wieder Grund zum Feiern – gelingt es Folgeschäden nahezu durchgehend, abseits der offensichtlichen Thrill-Momente der Plotanordnung ein differenziertes Bild einer multikulturellen Ehe zu zeichnen. Durch die extremen Vorwürfe und Entwicklungen kommen unausgesprochene Differenzen an die Oberfläche, die im normalen Ehe-Alltag nie kommuniert wurden/werden: Vorurteile, Klischees und tiefsitzende Ängste auf der einen Seite und Stolz, Machismo und Versagensangst auf der anderen. In dieser Darstellung erweist sich der Film als sensibler Spiegel interkulturellen Zusammenlebens, das leider auch mit dem »Vorzeichen« Liebe immer noch ein zerbrechliches Gebilde bleibt. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #47.
© 2012, Schnitt Online

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