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Betrogen

The Beguiled. USA 1970. R: Don Siegel. B: John B. Sherry, Grimes Grice. K: Bruce Surtees. M: Lalo Schifrin. P: Malpaso/Universal. D: Clint Eastwood, Geraldine Page, Elizabeth Hartman, Jo Ann Harris, Darleen Carr u.a.
105 Min. CIC ab 20.7.73

Vom Bürgerkrieg in den Geschlechterkrieg

Von Oliver Baumgarten Dreißig Jahre ist es alt geworden, dieses bitterböse Meisterwerk, eines der Höhepunkte aus der glanzvollen Zusammenarbeit von Don Siegel und Clint Eastwood. Aber auf seine sehr spezielle Art bleibt Betrogen heute nicht weniger unverschämt in seiner herrlich sarkastischen Betrachtung des Matriarchats aus verletzt männlicher Sicht. Und wenn Clint Eastwood in seinem Krankenbett liegt, eingesperrt und doch unglaublich selbstherrlich am Beginn, und wenn Geraldine Page in verholener Lustgier an seine Laken tritt, dann plötzlich wird Stephen Kings Inspirationsquelle deutlich, aus der er Misery geschöpft haben muß.

Unter dem Strich könnte Betrogen ebenso simpel wie chauvinistisch so zusammengefaßt werden: Den amerikanischen Bürgerkrieg vermag ein Mann zu überleben, gegen sich verbündete Frauen aber nicht. Ein kleines Mädchen findet den von Eastwood dargestellten zusammengeschossenen Unionssoldaten und bringt ihn in ein Südstaatenanwesen. Dort herrscht das gestrenge Regiment von Martha Farnsworth, Vorsteherin des ansässigen Mädcheninternats, das sie zusammen mit einer schüchternen Lehrerin und einem schwarzen Hausmädchen leitet. Die schmerzlichen Männererfahrungen der erwachsenen Frauen führen zu wenig Begeisterung über den männlichen Pflegefall, der zudem noch der feindlichen Armee angehört. Doch das feurige Engagement der jungen Dinger läßt selbst Martha Farnsworth dazu erweichen den ansehnlichen Soldaten zu beherbergen. Als dieser jedoch seinen Charme spielen läßt, brechen reihenweise Frauenherzen – etwas später allerdings auch zahlreiche Knochen.

Clint Eastwood versteht es in seiner unnachahmlichen Art brillant, das von ihm selbst verkörperte Männlichkeitsideal zu ironisieren. In völliger Selbstüberschätzung bändelt seine Figur mit allen Frauen gleichzeitig an, immer im sicheren Glauben, mit seinem Charme alles wieder glattbügeln zu können. Doch wider Erwarten schürt er keinen Ärger zwischen den Frauen, sondern die Aggressionen fallen gebündelt auf ihn selbst zurück - mit sehr häßlichen Folgen. Don Siegel inszeniert die morbide Geschichte in einer Mischung aus Lakonik und 70s-Stilistik. So überlappen immer wieder Überblendmontagen von Zeit- und Realitätsebenen zu einem sehr pragmatischen parallelen Erzählrhythmus. Dem gegenüber stehen die Musik Lalo Schifrins, der selbst in einem Bürgerkriegsdrama einfach nicht auf seinen verdammt coolen urbanen Funksound verzichten kann, gekonnt umgesetzte Manierismen wie Reißzoom und 360°-Subjektiven und Kontraste zwischen Bild- und Dialoginformation. Immer wieder ein Genuß! 1970-01-01 01:00
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