Ungewöhnlicher Spaghetti-Western
Von Carsten Tritt
Was hier unter dem unspektakulären Titel
Ben und Charlie daherkommt, dürfte sich bei näherer Betrachtung als Kleinod der italienischen Filmgeschichte entpuppen.
Ben und Charlie ist ein Western aus jener Zeit, als die Spaghetti-Western ihre Ernsthaftigkeit bereits weitgehend abgelegt hatten und sich nun immer mehr dem Prügelklamauk zuwandten. Jedoch will er so recht in keine der beiden ihm angebotenen Schubladen passen.
Erzählt wird die Geschichte von zwei liebevollen Losern und ihrer kurzen Karriere als Outlaws, kaum mit Brachialhomor versehen, sondern eher im Stile einer Tragikömödie angelegt. Kenner des Genres dürften bereits beim Lesen der Stabliste mit der Zunge schnalzen. Zwar gehörte Regisseur Michele Lupo nie zu den ganz Großen, dennoch hat er in seinem wohl bekanntesten Werk
Buddy haut den Lukas ein Gespür für Skurillitäten und abstrusen Witz bewiesen, welches er auch bei
Ben und Charlie nicht versteckt – etwa, wenn er Gemma als Ben beim Sackhüpfen gnadenlos bescheißen läßt. Auch die Drehbuchautoren sind wohlbekannt: Luigi Montefiori ist niemand anders als Hauptdarsteller Nummer zwei George Eastman, bekannt aus zahlreichen anderen Italowestern, Sergio Donati war u.a. Co-Autor von
Spiel mir das Lied vom Tod.
Am meisten Freude bereitet aber die wunderbare, verspielte Kameraarbeit von Aristide Massaccesi (der nur wenig später unter dem Namen »Joe D'Amato« als Regisseur für eher merkwürdige Filmwerke bekannt wurde), die vor allem die Action-Sequenzen mit Mut zur Idee einfängt, die jedoch nie in Manierismus verfällt. Dazu noch den launigen Soundtrack von Gianni Ferrio genommen, eine seiner besten Arbeiten, ergibt
Ben und Charlie einen äußerst unterhaltsamen und für die frühen 70er sehr ungewöhnlichen Blick auf das Westerngenre.
1970-01-01 01:00