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Der schmale Grat

The Thin Red Line. USA 1998. R,B: Terrence Malick. K: John Toll. S: Leslie Jones, Saar Klein, Billy Weber. M: Hans Zimmer. P: Fox 2000, Phoenix, Geisler, Roberdeau. D: Sean Penn, Adrien Brody, James Caviezel u.a.
170 Min. Fox ab 25.2.99

Zum Sonderfall, einen Malick-Film im TV anzusehen

Von Tina Hedwig Kaiser Die omnipräsente Sichtbarkeit der heutigen Welt insbesondere in Form televisualisierender Bildschirmtechniken der Sendeanstalten, in denen es schon lange nicht mehr, mit Jean-Luc Godard gesprochen, um die Bilder geht, gebiert sich tagtäglich. Das Kino und sein Film scheinen dagegen innerhalb der Bilderproduktion einen visuellen Sonderstatus zu halten. Unabhängig davon, daß einige Tendenzen Kinofilme gerne in die didaktische »Hier ist noch Kunst«-Ecke stecken möchten, ist es nicht zuletzt gerade auch Hollywood und seinen unzähligen Blockbustern zu verdanken, daß es das bewegte und anders präsente Leinwandbild, und eben auch das Sensationsbild, im Kino gibt. Es ist eines der wenigen Systeme, in denen es einem Regisseur wie Terrence Malick möglich ist, mit seinem Erstling Badlands 1973 für Furore zu sorgen, kurz danach noch In der Glut des Südens (1978) zu drehen, anschließend erst Jahrzehnte später mit Der schmale Grat (1998) mit der besten Schauspielerbesetzung, die das US-Kino zum Zeitpunkt zu bieten hatte, wieder zurückzukehren, und dennoch nicht allein diese ins Zentrum zu stellen: Die Familie vergißt dich nicht. Nein, nicht nur das, hier gibt es natürlich andere Arbeitsstrukturen, natürlich nicht immer und nicht nur, aber es gibt einen anderen Umgang mit der Wertschätzung, Herstellung und Wirkweise der, man könnte mittlerweile sagen: guten alten Bildwelten des Kinos. Und man könnte auch sagen: Hier, im Kino und im dafür produzierten Film, gibt es die einzig nachhaltige bewegte Bildwelt, eben auch und gerade mit Hollywood. Und dies kann nur eine sein, die insbesondere auch mit dem Unsichtbaren zu arbeiten weiß. Oder, und so hat es Malick in seinem vermeintlichen Antikriegsfilm Der schmale Grat vorgeführt: mit dem, was einfach da ist – das Gras und der Wind stellen die eigentliche Sensation des ganzen Films dar. Das Leben, die Bewegtheit auch im Stillen, die Natur – in unendlichen Leerlaufsequenzen zwischen den altbekannten Erzählsträngen des Kinofilms.

Zugegeben: Dieser Text steht nicht auf der narrativen Seite des Kinos und hier insbesondere Hollywoods, aber er weiß seinen Wert zu schätzen. Und möchte gerade nach den Bildnischen innerhalb des Erzählkinos fragen, um auf das aufmerksam zu machen, was dieses Kino, selbstverständlich oftmals mit einer vollkommen anderen Produktionsintention, mittransportiert: das Sehen außerhalb des Handlungsflusses, ein gleichzeitiges Bewußt- und Überwältigtsein den bewegten Oberflächen gegenüber, nicht zuletzt als ein Aufreißen des filmischen Bildes und seines Sehens: den Schock und die fließende Ruhe seiner eigenen Sicht- und Unsichtbarkeitsarbeit zugleich.

Die Kadrierung, die Einstellungswahl, denkt in einem bewegten Bildablauf wie kein anderes Bildgenerierungswerkzeug an all das, was sie nicht zeigt. Und dies in gedoppelter Funktion: die Rahmung, die Kamerafahrt, der Schnitt, etc. – alle sorgen dafür, daß gerade im und mit dem Nicht-Sehen gesehen wird. Der Film existiert nur mit seinem Off, mit dem Hors-champ, mit dem, was er nicht zeigt. Und genau dieses Nicht-Sehen kann er gleichzeitig mit und in seinen Sichtweisen transportieren. Sie enthalten einander, das Sichtbare und das Unsichtbare, in einem maßvollen und gegenseitig bedingten Verhältnis. Die Übersichtsfiktionen des Fernsehens können dabei außer Acht gelassen werden. In diesem Format geht es weder um Bilder noch um Sehweisen. Im besten Sinne ist es ein schlichter Servicepool – eine völlig andere Arbeit also. Bewegungsbewußtsein, Horizontlinien, Ortsveränderungsperspektiven und Raumerfahrungen sind woanders: draußen, während der Fahrt – und im narrativen Kino als Leerlauf- oder Sensationspassagen neben dem normalen Handlungsfluß. Malicks Der schmale Grat im TV zu sehen kann eventuell eine Ahnung davon mitsichbringen, aber auch nur höchstens. Doch vielleicht schon ein Grund, ihn AUCH dort anzusehen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Der Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch »Aufnahmen der Durchquerung: Das Transitorische im Film«, das im Sommer 2008 beim transcript-Verlag erscheint.

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