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Berlin Express

USA 1948. R: Jacques Tourneur. K: Lucien Ballard. S: Sherman Todd. M: Frederick Hollander. P: RKO. D: Merle Oberon, Robert Ryan, Charles Korvin u.a.
99 Min. Taurus ab 2.4.54

Es fährt ein Zug nach nirgendwo

Von Carsten Tritt Jaques Tourneur ist Franzose, und auch wenn er damals schon seit Jahren in Hollywood gearbeitet hatte, ließ er es sich nicht nehmen, seinen Film Berlin Expreß mit der Anpreisung der schönsten Plätze seiner Geburtsstadt Paris zu beginnen. Doch kaum dürfte der besserverdienende amerikanische Kinobesucher überzeugt gewesen sein, seinen nächsten Auslandsurlaub in der Stadt der Liebe zu verbringen, ist ein Schuß zu hören, und der nette Werbefilm weicht einem furiosen Actionthriller, wie ihn zur damaligen Zeit neben Tourneur wohl kaum ein zweiter Zustande gebracht hätte.

Zwar hatte dieser Schuß nur eine Taube, beziehungsweise letztlich die Verbringung derselben in den Suppentopf, zum Ziel, aber der an ihrem Fuß angebrachte Zettel in deutscher Sprache ist Anlaß genug für politische Verwicklungen, die eine erneute Zusammenarbeit der Siegermächte erfordern. Es geht um einen ehemaligen deutschen Widerstandskämpfer, Dr. Bernhardt, der nach dem Willen zumindest der Westmächte in der politischen Zukunft Deutschlands eine entscheidende Rolle spielen soll. Und es geht um eine Gruppe von Alt-Nazis, die dies zu verhindern suchen, durch Mordanschläge und Entführungen. Vor allem aber geht es um seine vier Mitreisenden im Zug nach Berlin, Staatsangehörige der vier ehemals Alliierten, die sich trotz gegenseitigem Mißtrauen zusammenraufen, um die politische Chance, die sich durch die Arbeit Bernhardts bieten Würde, zu bewahren.

Berlin Expreß ist ohne Zweifel ein Meisterwerk des Spannungskinos, und die zahlreichen, heute noch begeisternden Regieeinfälle Tourneurs sind viel zu grandios, um sie hier zu verraten. Zudem gelingt es Tourneur, eine dichte, aufwühlende Atmosphäre zu erzeugen. Er jagt seine Protagonisten zwischen die Häuser-Skelette Frankfurts hindurch und erzählt dabei von der Hoffnung auf die Vernunft, auf die aus den Schrecken des Weltkrieges gezogene Lehre, eine bessere Zukunft zu errichten, und ist sich dabei der Naivität angesichts der beginnenden Konfrontation des Kalten Krieges bewußt. Somit mag man den Film nicht zuletzt als Plädoyer für den Humanismus verstehen, freilich in actionreicher Umsetzung und mit einem guten Schuß Melancholie. Diese merkwürdige Mischung wird komplettiert durch eine wunderbare Besetzung, bis in die Nebenrollen hinein (z.B. Schünzel als eben die gebrochene Gestalt, die er 1948 wohl auch im Leben war). Berlin Expreß ist insgesamt sicher einer der Höhepunkte des damaligen Filmschaffens von Exileuropäern in Hollywood, und selbst 53 Jahre später noch ein begeisterndes Abenteuer. 1970-01-01 01:00
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