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Der große Diktator

The Great Dictator. USA 1940. R,B,D: Charles Chaplin. K: Karl Struss, Roland Totheroh. S: Willard Nico. M: Meredith Wilson. P: Charles Chaplin Productions. D: Paulette Goddard, Jack Oakie, Reginald Gardiner, Henry Daniell u.a.
124 Min. Piffl ab 25.8.58

Zuerst kommt die Menschlichkeit

Von Martin Thomson Im literarischen Quartett bemerkte Marcel Reich-Ranicki einmal, daß es nie jemandem gelungen sei, das ultimative Porträt des am nachhaltigsten in das kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft eingebrannten Diktators Adolf Hitler gezeichnet zu haben, woraufhin Hellmuth Karasek lautstark protestierte, daß es Chaplin war, dem derartiges mit Der große Diktator doch eindeutig geglückt wäre. Karasek sollte Recht behalten. Keiner hat Hitler so sehr auf das reduzieren können, was er letztlich war: eine mit zahlreichen Minderwertigkeitskomplexen geplagte Persönlichkeit, an der Millionen ihr Leben lassen mußten. Wenn der von ihm in Aneoid Hynkel umbenannte Diktator in seinem maßlos ausgestatteten Herrschaftssitz, der eher einem gigantischen Schönheitssalon ähnelt, mit einer Weltkugel tanzt, um sie in einem sexuell anmutenden Akt mit seinem Gesäß immer weiter in die Höhe zu stoßen, damit sie ihm am Ende als abgenutztes Präservativ in den Händen hängt, dann verweist Chaplin auf die Tragik, der sein Streben nach Macht innewohnte, und zwar im Gefühl der größten Hingabe, den Untergang und die Abnutzung des Geliebten provozieren zu müssen. Wenn Menschen genauso hingebungsvoll hassen wie sie lieben können, dann ist es Chaplin mit dieser Szene gelungen, Hitler der Lächerlichkeit preiszugeben und ihn dennoch als allzu menschlich auszuweisen.

Später, unter dem entsetzlichen Eindruck der Bilder Leichenberge verschüttender Schaufelbagger hat Chaplin einberaumt, daß er das Ausmaß der menschlichen Tragödie, das hinter dem Holocaust verborgen lag, verharmlost habe und daß er es nicht gewagt hätte, darüber eine Komödie zu drehen, wenn er von den Dimensionen der Gräuels gewußt hätte. Chaplin verharmlost das Leiden der Opfer tatsächlich, auch vor dem Hintergrund des in der Welt außerhalb Europas zur Entstehungszeit bekannten Wissensstandes, wenn der von ihm dargestellte Alltag im Ghetto eher seinen Kindheitstagen in den Elendsvierteln Londons nachempfunden scheint und ein Konzentrationslager Assoziationen zu einer gängigen Gefängnisanstalt aufweist; aber genau an diesen Verharmlosungen gewinnt ein Film wie Der große Diktator, der zwar nicht frei von der Darstellung menschlichen Leidens ist, der es aber dennoch so naiv ausformuliert, daß mit jeder Einstellung der unerschütterliche Idealismus seines Regisseurs spürbar wird, der an ein tiefes humanistisches Weltbild geknüpft ist, das durch die später zutage getretenen Schreckensbilder der Realität eliminiert worden wäre. So aber steht sein Meisterwerk monolithisch für sich und überlagert den Schrecken mit einer Sehnsucht nach Menschlichkeit, die zwar selten umsetzbar, aber doch als deutlicher Protest gegen die Diktatoren dieser Welt ein naives und doch notwendiges Pamphlet formulieren konnte.

Der große Diktator ist dabei einerseits unerschütterliche Anklage gegen die Unterdrückung und zugleich satirische Demontage der ihr inhärenten Mechanismen, die sich an der Inszenierungssucht seiner nach außen hin eitlen, aber innerlich von selbstdestruktivem Haß geprägten Titelfigur abzeichnen. Mit dem Kunstgriff, Hynkel in einem unverständlichen Kauderwelsch aus hervorgepreßten Grunzgeräuschen und deutschen Wörtern zu Volk und Untergebenen sprechen zu lassen, unterstreicht Chaplin die Dysfunktion einer Sprache, die sich ihrer konstruktiven Elemente entledigt und ein entfesseltes, weil nicht zusammensetzbares Gebilde geschaffen hat, das den Antrieb einer jeden Diktatur als im voraus zum Scheitern verurteilt denunziert. Zum einen, weil sie damit nur Ausdrucksform irrationalen Hasses ist, und zum anderen, weil sie zu unverständlich ist, um über ihren direkten Ausbruch hinaus Bestand zu haben. Ohnehin weist Chaplin immer wieder darauf hin, daß hinter dem opulenten Schein und dem vermeintlich unumstößlichen Militarismus der Deutschen sowohl im Kaiserreich als auch im Dritten Reich der glatte Selbstbetrug lauerte, wenn die zu Beginn des Films zum Einsatz kommende Flak, die der jüdische Friseur betätigt, ihren Sprengsatz nur ein paar wenige Meter auf das eigene Gebiet abfeuert, alle von Feldmarschall Hering vorgeführten Erfindungen, die den Sieg der Streitkräfte besiegeln sollen, mit dem Tod des Erfinders enden und ein übergroßes Uhrenmonument des Führers ein paar Minuten nachgeht – immer wieder macht Chaplin deutlich, daß eine auf totale Funktionalität beruhende Gesellschaft, die sich ihrer moralischen Werte entledigt hat, keinen Bestand haben kann.

Mit Der große Diktator hat Chaplin bewiesen, welche Kraft in der Komödie verborgen liegt. Mehr noch, als daß sie Gegebenheiten durch Kontraste abzeichnen und damit deren Dysfunktion offenlegen kann, hält sie die Hoffnung parat, diese Gegebenheiten nicht hinnehmen zu müssen. Im Lachen liegt die große Kraft der Heilung verborgen, der Besinnung auf das, was der maschinell gewordene Haß nicht zu erschaffen in der Lage ist. Wenn der Mensch genauso hingebungsvoll lieben wie hassen kann, dann bestätigt Chaplin spätestens in seinem Schlußappell, daß es sich für Ersteres zu kämpfen und zu leiden lohnt. 1970-01-01 01:00

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