Doktor Schiwago

USA 1965. R: David Lean. B: Robert Bolt. K: Freddie Young. M: Maurice Jarre. D: Omar Sharif, Julie Christie, Rod Steiger, Geraldine Chaplin, Alec Guinness, Klaus Kinski u.a.
180 Min. Neue Visionen ab 5.10.66

Der ewige Zweite

Von Andrea Keil David Leans Verfilmung von Doktor Zhivago nach der Romanvorlage von Boris Pasternak hat sich als monumentales Kino großer Gefühle standhaft in die Filmgeschichte eingeschrieben. Es ist ein Film, den man sich trotz der epischen Breite von drei Stunden mehrfach anschauen kann, gehört man zu der Sorte Rezipient, der auch Vom Winde verweht schon mindestens zweimal gesehen hat und ungefähr nochmals sooft sehen wird. Die dramatische Liebesgeschichte entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Kassenschlager in den 60er Jahren und wurde mit insgesamt 5 Oscars honoriert.

In Form einer Rückblende erzählt der Film von Yuri Zhivago, einem Militärarzt zu Zeiten der Zarenherrschaft, der die Tochter seiner Zieheltern geheiratet hat, jedoch während des 1.Weltkrieges eine amouröse Beziehung mit der schönen Lara eingeht. Aus dieser Begegnung entwickelt sich eine unerfüllte, dafür umso leidenschaftlichere Affäre.

Boris Pasternak publizierte 1958 mit seinem nicht systemkonformen Roman eine mutige Offensive an die russische Zensurbehörde. Berücksichtigt man, daß ein Film fast immer nur eine Simplifizierung einer wirklich guten literarischen Vorlage sein kann, so ist es dennoch bestimmt nicht ungerecht zu behaupten, Leans Version reduziert Pasternaks politischen Inhalte, die Schilderungen der russischen Gesellschaft zur Zeit der Revolution von 1917, zu einem bloßen Spektakel, einer Kulisse, vor der sich die herzergreifende Liebesgeschichte zwischen Lara und Dr. Zhivago abspielt. Pasternaks Roman erzielte erst internationales Renommée, als er ins Italienische und anschließend in viele andere Sprachen übersetzt wurde - von russischen Verlegern wurde er abgelehnt. Es ist die Geschichte über die Liebe und Freiheit des individuellen Geistes, die mit der revolutionären Regierung kollidiert. Hinter David Leans Liebesepos versickern die ideologischen Inhalte größtenteils und die Handlung wirkt dadurch teilweise ein wenig unmotiviert, z.B. wenn die Protagonisten schwer nachvollziehbaren Persönlichkeitsveränderungen oder Gefühlsschwankungen unterliegen.

Was das Melodram dennoch zu einem Faszinosum macht, ist seine aufwühlende Musik, vor allem aber seine visuelle Kraft. Zhivagos Wanderungen durch die weiten Steppen, die glitzernden Schneeflocken des harschen russischen Winters die Art und Weise, wie von einer Blume in Laras Gesicht übergeblendet wird - das sind magische Momente, die das Gedächtnis wieder hervorruft, wenn man sich an den Film erinnert. Und nicht ungerechtfertigterweise wurde der Film für seine Kinematografie, Musik und Kostüme mit dem Academy Award ausgezeichnet. Neben dem ebenfalls von David Lean inszenierten Lawrence of Arabia wird Doktor Zhivago aber der ewige Zweite bleiben. 1999-11-30 00:00

TV-Tip

  • TELE 5, Sonntag, 28.3.10, 16:25 Uhr
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