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Die Herren mit der weißen Weste

BRD 1969. R: Wolfgang Staudte. B: Paul Hengge, H.O. Gregor (d.i. Horst Wendlandt). K: Karl Löb. S: Jane Sperr. M: Peter Thomas. P: Rialto Film Preben Philipsen. D: Martin Held, Walter Giller, Heinz Erhardt, Agnes Windeck, Hannelore Elsner u.a.
91 Min. United Artists ab 12.3.70

Ein Pensionär hat’s schwer

Von Oliver Baumgarten Mit Zwischengleis, seiner thematischen und künstlerischen Rückkehr zu den Anfängen seiner großen Kinokarriere, drehte Wolfgang Staudte 1978 seinen letzten Kinofilm. Er wird all seine kreative und diplomatische Kraft noch einmal dafür aufgewandt haben – leicht dürfte es jedenfalls nicht gewesen sein, zu jenem Zeitpunkt ein solches Projekt zu verwirklichen.

Längst hatte sich eine neue Generation von Filmemachern etabliert, bei der Staudte in ähnliche Ungnade fiel wie andere Vertreter des »alten Films«, etwa Alfred Weidenmann, der es mit Der Schimmelreiter 1979 auch noch zu einem Kinofilm brachte. Daß beide Regisseure Welten von einander trennten, daß Staudte sich ebenso gegen das »alte Kino« wandte wie der »Neue Deutsche Film«, das wurde geflissentlich übersehen (vgl. Interview mit Helma Sanders-Brahms in Schnitt Nr.26). Wolfgang Staudte allerdings suchte in den 60ern seinerseits genauso wenig den Kontakt zu den jungen Wilden, sah deren Ansatz eher skeptisch und konnte sich – wenn überhaupt – höchstens für die Arbeiten Werner Herzogs erwärmen, wie Egon Netenjakob zu berichten weiß.

Was Wolfgang Staudte in den Augen vieler Jungfilmer damals vielleicht verdächtig machte, war sein steter Einbezug des Publikums. Bei aller Moral und Kritik, bei aller formalen Strenge machte er Filme für das Publikum und war der Unterhaltung keineswegs abgeneigt. Zudem zeichnete ihn eine handwerkliche Präzision aus, eine Perfektion des Zusammenspiels der filmischen Mittel, die nicht dem Kintopp, sondern dem Haute cinéma entsprang.

Geht man zwei Kinowerke in seiner Filmographie zurück, so findet man in Die Herren mit der weißen Weste genau jene Attribute erfüllt. Der Film ist eine eindimensionale Räuberpistole, eine Gaunerkomödie nach dem Muster unzähliger britischer Vorgänger und eine Auftragsproduktion für Staudte. Doch gerade an ihr, einem Produkt klassischen Mainstreams, einem vermeintlich geläuterten Spätwerk Staudtes, läßt sich die Präzision seiner Inszenierungen nachweisen. Gerade im Gegensatz zum gängigen Gebrauchskino Ende der 60er, in dem sich viele Gesichter und Geschichten durch ständige Wiederkehr abgenutzt haben, stellt sich der Umgang Staudtes mit seinen Schauspielern als beispielhaft dar: Er besetzt die Geschichte um eine Truppe von Senioren, die einem stadtbekannten Gauner durch perfide Tricks das Handwerk legt, mit einer Reihe von etablierten und fähigen Darstellern, die durch die Bank so exakt wie selten ihre seit Jahrzehnten bestehende Kunstfigur in den jeweiligen Rollen ausfüllen. Das ist natürlich alles andere als innovativ. Es ist aber auf der anderen Seite eine wahre Meisterleistung, eine Gruppe von bekannten und beliebten Darstellern den absolut perfekten Ton ihrer jeweiligen Typage treffen zu lassen und dabei trotzdem ein harmonisches Ensemble zu schaffen. Das etwas Oberlehrerhafte von Martin Held, der kalauernde Heinz Erhardt, die Opferkomik Rudolf Plattes, Siegfried »Autoritätsparodie« Schürenberg, das Weltmännisch-coole an Mario Adorf und nicht zu vergessen: die kesse Omi Agnes Windeck – sie alle funktionieren brillant für sich und agieren perfekt als Ensemble. Solches bedeutet zweifellos oberste Unterhaltungskategorie, zumal die Bildgestaltung – was Kadrage, Schnitt und Farbumgang betrifft – den Durchschnitt deutscher Filme jener Zeit weit in den Schatten stellt und den Film zu einem absolut vergnüglichen Ereignis macht.

Und – mag es auch noch so übertrieben wirken: Am Ende erinnern die putzigen Pensionäre, von denen jeder ein erfahrener Spezialist auf seinem Gebiet ist und die schlußendlich den coolen, aber selbstgefälligen jungen Gaunern den Garaus machen, dann doch an Staudte selbst, der den Jungen hier zeigt, was vollendetes Handwerk im Stile des »alten Films« zu schaffen imstande ist. Ein Publikum nämlich. 1970-01-01 01:00
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