Quod erat demonstrandum
Von Carsten Tritt
Zeugin der Anklage gehört heute zu den absoluten Klassikern von Billy Wilder und war seinerseits eine Revolution in seinem Genre. Wilder hat die Geschichte um einen engagierten Anwalt, der an die Unschuld seines wegen Mordes angeklagten Mandanten glaubt und sich mit dessen zwielichtiger Ehefrau, die als Zeugin der Anklage auftritt, mit viel Witz inszeniert. Die durch die Strafprozeßordnung vorgegebene Dramaturgie der Wahrheitsfindung wird hierbei in einer nie wieder erreichten Brillanz zum Anlaß eines Verwirrspiels, bei dem einerseits bis zu letzt unklar bleibt, wer falsch spielt, andererseits der Zuschauer aber so präzise gezeichnete Figuren findet, daß er sich vorstellen kann, wie nun das erdbeerblonde Haar der mysteriösen Zeugin aussieht – obwohl der Film schwarz-weiß ist.
Der sonst auf beschwingte Komödien spezialisierte Wilder läßt den Zuschauer dabei so geschickt durch die Abgründe der Seelen seiner Protagonisten schreiten, daß sein Meisterwerk auch beim wiederholten Ansehen, wenn nun die Auflösung schon längst bekannt ist, nichts von seiner Wirkung verliert. Zeugin der Anklage jedenfalls bleibt der absolute Gegenbeweis zu der weit verbreiteten These, die Rechtswissenschaft sei langweilig.
1970-01-01 01:00