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Die drei Musketiere

The Three Musketeers. PA 1973. R: Richard Lester. B: George MacDonald Fraser. K: David Watkin. S: John Victor-Smith. M: Michel Legrand. P: Alexander Salkind, Este Films, Film Trust S.A., Twentieth Century Fox. D: Oliver Reed, Raquel Welch, Michael York, Christopher Lee, Richard Chamberlain, Frank Finlay u.a.
108 Min. Cinerama ab 21.12.73

Die vier Musketiere

The Four Musketeers. PA/E 1974. R: Richard Lester. B: George MacDonald Fraser. K: David Watkin. S: John Victor-Smith. M: Lalo Schifrin. P: Trust, T.I.T. D: Oliver Reed, Raquel Welch, Michael York, Christopher Lee, Richard Chamberlain, Frank Finlay, Faye Dunaway u.a.
102 Min. Cinerama ab 31.10.74

Die Rückkehr der Musketiere

The Return of the Musketeers. GB/F/E 1989. R: Richard Lester. B: George MacDonald Fraser. K: Bernard Lutic. S: John Victor-Smith. M: Jean-Claude Petit. P: Ciné 5, Fildebroc, Iberoamericana Films Producción, Timothy Burrill Productions. D: Richard Chamberlain, Michael York, Oliver Reed, Frank Finlay, C. Thomas Howell, Kim Cattrall u.a.
102 Min.

Royal Flash

USA 1975. R: Richard Lester. B: George MacDonald Fraser. K: Geoffrey Unsworth. S: John Victor-Smith. M: Ken Thorne. P: Twentieth Century Fox, Two Roads Productions. D: Malcolm McDowell, Alan Bates, Oliver Reed, Florinda Bolkan, Britt Ekland, Lionel Jeffries u.a.
98 Min. Fox ab 17.10.75

Die Lesterzungen

Von Daniel Bickermann Anläßlich der arte-Reihe mit Mantel- und Degenfilmen von Richard Lester veröffentlichen wir hier noch einmal den Text zu den Filmen The Three Musketeers, The Four Musketeers und Royal Flash aus unserem »Richard Lester«-Thementeil (Schnitt #38).

Schon mal jemandem aufgefallen, daß Biopics nur funktionieren, wenn sie im Stile der porträtierten Person inszeniert wurden? Kinsey ist eine kontroverse Sexualstudie geworden, Gandhi eine bewegende Predigt, Chaplin humanitär angehauchter Slapstick und Aviator ist schlicht größenwahnsinnig. Im Gegenzug mangelt es den Swing-Biographien Beyond the Sea und De-Lovely am nötigen Schwung, und die Wilde-Biographie wäre bei Kritik und Kasse keineswegs so kläglich verreckt, wenn sie den scharfzüngigen Witz ihres Protagonisten gezeigt hätte, anstatt als laues Dramödchen vor sich hinzumäandern.

Müßte man unter diesen Vorgaben einen Film über das Leben Richard Lesters inszenieren (und warum ist eigentlich noch niemand auf diese Idee gekommen?), sollte es sich zweifellos um eine Big-Budget-Produktion handeln, die in anarchischem Spaß zuerst die samtenen Kostüme des All-Star-Cast in einer Tortenschlacht ruiniert und dann die teuren Prunkbauten abfackelt, während ein kleiner Junge kichernd dabei zusieht und ein Liedchen pfeift. (Und Steven Soderbergh müßte natürlich Regie führen, aber das steht auf einem anderen Blatt.)

Der Höhepunkt eines solchen Filmes wäre vermutlich die Entstehungsgeschichte der Musketeer-Filme, ein in der Hollywood-Historie immer noch beispielloses Bubenstück. Anfang der 70er war es ruhig geworden um Lester, der ein komplettes Jahrzehnt damit überlebt hatte, großen Hollywood-Studios Kriegskomödien und Sexsatiren an- und abzudrehen. Vier Jahre lang kein Film, er stand unter Erfolgsdruck, als sich die Chance ergab, eine Neuversion von Dumas‘ »Die Drei Musketiere« zu inszenieren. Er hatte schon früher mit dem Gedanken an eine Verfilmung gespielt, damals allerdings mit den Beatles in den Hauptrollen, nur schrieb man inzwischen das Jahr 1973, und die Fab Four würden nicht einmal mehr gemeinsam Kaffee trinken, geschweige denn einen Film zusammen drehen. Statt dessen wurde eine internationale Starbesetzung für den in der Industrie hoch geschätzten Lester zusammengesucht: Heston, Dunaway, Welch, Chamberlain, Reed und Lee sind nur die allerberühmtesten Namen, die sich volle sechzehn Wochen lang gutgelaunt am spanischen Set tummelten. Und Lester hat sie alle fein säuberlich über den Tisch gezogen.

Der erste Verdacht kam nach der Heimkehr, als die Stars voller Erstaunen in den Branchenblättern lesen konnten, Lester habe in Spanien zwei Filme gedreht, die im Abstand von einem Jahr im Kino starten sollten. Zwei Filme? Es wurden doch nur Gagen für einen Film gezahlt. Hektisch wurden Verträge gewälzt. Und da stand es: Lester und seine Produzenten hatten in allen Verträgen das Wort »Film« durch »Projekt« ersetzt. Die gesamte Besetzung klagte schließlich und bekam vor Gericht auch etwas Geld zugesprochen – aber immer noch wesentlich weniger als eine volle zusätzliche Gage. Lester hatte zwei Filme zum Preis von einem gedreht.

Es war vermutlich das letzte, wenn nicht gar das einzige Mal, daß man einen erfolgreichen Versuch startete, namhafte Hollywoodstars aufs Kreuz zu legen, und der Trick verdient einen gewissen Legendenstatus in den Handbüchern für Schauspielagenten. George MacDonald Fraser, der Lester die Drehbücher für seine Musketier-Filme und sowohl Romanvorlage als auch Skript zu der Heldenfarce Royal Flash geliefert hat, würde aus dieser Anekdote sicher ein paar gute Szenen ziehen können.

Daß der Skandal sich in Grenzen hielt, hatte sicherlich auch damit zu tun, daß die »beiden« Filme große Kassenerfolge wurden und sich immer noch anhaltender Beliebtheit erfreuen. Das erstaunt nicht, schließlich funktionieren sowohl The Three Musketeers als auch The Four Musketeers wie geschmierte Uhrwerke: Die Stunts sind haarsträubend, der Humor pendelt zwischen den Marx Brothers und Monty Python, die Damen sind ebenso bezaubernd wie schlagfertig, die Bösewichte blicken finster und tragen bevorzugt Augenklappe, und die Fechtszenen wirken gleichermaßen furios und ausgefallen.

Technisch dagegen führt der Meister eine ruhige Hand: Wie so viele seiner Filme sind die Musketeers und Royal Flash ein Beweis für das falsche Klischee von Lesters rauschhaftem Stakkato-Schnitt: Hier bleibt seine Kamera behäbig und konventionell, manchmal gar statisch, sie ist eindeutig mehr am langfristigen Überblick mit vielen gleichzeitig sichtbaren Handlungen interessiert als an beschleunigter Detailselektion. Außer auf den fabelhaften Oliver Reed, dem es als betrunkener Athos manchmal auf unerklärliche Weise gelingt, einen Schuß echter Tragik in die Burleske zu kippen, gibt es auch kaum Close Ups zu verzeichnen – kein Vergleich zum hektisch geschnittenen Handkamerastil, der Lester seit seinen Frühwerken als vermeintliche technische Handschrift untergeschoben wurde.

Aber die Filme sind auch inhaltlich mehr als nur Höhepunkte des gediegenen Swashbucklings. Politisch wie moralisch lauern gähnende Abgründe dem unbedarften Zuschauer entgegen – und das nicht nur, wenn D‘Artagnan innerhalb einer halben Stunde vier Frauen beehrt, dabei zwei Betten in Trümmer legt und sich anschließend an- und dann auszieht, um seine »Geliebte« aus den Händen der Schurken zu befreien. Diese Art der geschlechtlichen Allmachtsphantasie ist für den erklärtermaßen »anti-sentimentalen« Lester weniger eine Folge des sexuellen Befreiungskampfes der 60er als vielmehr eine konsequente Spielart des (Super-)Heldenepos, wie man sie in jedem James-Bond-Film bewundern darf: Fiesling töten, Spruch klopfen, Frau beglücken.

Passend dazu (und an dieser Stelle auch noch einmal wärmstens empfohlen) ist die legendäre deutsche Synchronfassung vor allem der Four Musketeers, die den Film deutlich bereichert. Da werden, ganz im Sinne der Inszenierung, aus »Nonnen« schon mal »Nutten«, und manchem lippenbewegten Lakaien werden schnell noch »Grüße an die Frau Gemahlin« mitgegeben, bevor er umgehauen wird.

Besonders hervorzuheben an Frasers Drehbüchern aber ist eine beißende Obrigkeitskritik, die Lester dankbar verwertet. Selten wurde adlige Dekadenz so grimmig karikiert wie in den Lester/Fraser-Fimen – und selten machte sie so viel absurden Spaß. Die Königin, deren zweifelhafte Ehre zu retten einen klassischen MacGuffin der Musketeers-Filme darstellt, beschwert sich, daß ihr wegen dieses »Scheiß-Religionskriegs« die guten Kleider ausgehen, während ihr Gemahl bevorzugt beim Posieren auf hölzernen Ersatzpferden gezeigt wird oder im Palasthof eine Partie Schach mit abgerichteten Dalmatinern als Figuren spielt. In Royal Flash wird dieser Gedanke dann auf die Spitze getrieben, wenn die höfische Gesellschaft sich mit Hilfe eines Kammerorchesters bei einer »Reise nach Jerusalem« vergnügt – infantiler geht‘s nicht.

Überhaupt ist Royal Flash, kurz nach dem Musketeer-Projekt entstanden, ein einziger respektloser Mittelfingersalut an die vermeintliche Heroisierung des Adels in anderen Mantel-und-Degen-Filmen. Der Protagonist Harry Flashman ist ein Säufer, Weiberheld, Dieb und Feigling, der durch ein ungerechtes Schicksal zum Kriegshelden ernannt und dann auf die feinere Gesellschaft der europäischen Fürstenhäuser losgelassen wird. Schon die filmische Exposition des Charakters vor dem ausgerollten Union Jack ist eine schmerzhaft komische Angelegenheit, und auch auch fortan gewinnt Flashman keinen einzigen Fechtkampf, er ist ein unpolitischer Trottel, der sprichwörtlich am Kleidersaum von schönen Frauen in eine internationale Intrige gezogen wird. Malcolm MacDowell spielt diesen Antihelden mit herrlich pomadiger Ignoranz und darf sich zur Belohnung mit einer Haarbürste an einer fürstlichen Sadomaso-Konkubine austoben und von deutschen Bösewichten zu den Melodien des »Walkürenritts« beinahe kastrieren lassen. Die schon in den Musketeer-Filmen grenzwertig ironischen Fechtszenen haben hier längst jede Geschmacksgrenze hinter sich gelassen (man beißt, kitzelt oder tritt in den Unterleib), und nachdem der Protagonist seiner fünfzehnten Eroberung die Liebe gesteht, darf er sich auch schon mal mit nachdenklicher Einsicht ans Kinopublikum wenden: »Ich glaube, ich liebe sie wirklich. Irgendwie. Ach, ist auch egal.«

Royal Flash endet mit zwei Dieben, die sich in einer weiten, verlassenen Schneelandschaft unterhalten, während das Chaos, das in mehreren europäischen Fürstentümern angerichtet wurde, nicht mehr erwähnt wird. Dem Film über Richard Lester müßte wohl etwas von der weltlichen Realität abweichen, um ein solch listiges und versöhnliches Ende zu finden. Denn in Wirklichkeit war Lesters letzter Film eine in vielerlei Hinsicht eher traurige Angelegenheit: Als er beinahe fünfzehn Jahre nach den ersten Dreharbeiten zu den Musketeers zu einem weiteren Sequel rief, kamen wieder alle angeströmt (sogar Christopher Lee, dessen Charakter eigentlich den Degentod gestorben war - aber wer könnte schöner von den Toten auferstehen als Lee?). Die Gründe, warum The Return of the Musketeers ein eher fader Film wurde, der weder vor noch hinter der Kamera an alte Qualitäten anknüpfte, ist sicher bei allen Beteiligten individuell zu suchen. Im Falle von Lester jedenfalls hing es mit dem Tod Roy Kinnears zusammen, der während der Dreharbeiten bei einem Reitunfall umkam. Neun Filme hatte Lester mit Kinnear gedreht, und der Tod des langjährigen Freundes und Spaßkollaborateurs brach ihm nicht nur das Herz, sondern veranlaßte ihn auch, seine Karriere als Filmemacher endgültig zu begraben. Vermutlich werden Lester und Kinnear sich eines Tages im Himmel begegnen und sich in einer weiten, verlassenen, schneeweißen Landschaft unterhalten, während die Kamera langsam von ihnen wegzoomt. Und schließlich abblendet. 1970-01-01 01:00

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