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Aschenblödel

Cinderfella. USA 1959. R,B: Frank Tashlin. K: Haskell Boggs. S: Arthur Schmidt. M: Walter Scharf. P: Paramount. D: Jerry Lewis, Anna Maria Alberghetti, Ed Wynn, Judith Anderson, Count Basie u.a.
83 Min. Jugendfilm ab 1.9.61

Dem King of Comedy zum 75.

Von Thomas Warnecke Eine Grimasse, eine kurze Verrenkung genügen Jerry Lewis auf dem Weg vom Flugzeug zur Limousine, um den Journalisten in Funny Bones und dem Zuschauer im Kino zu zeigen, wer hier der große Komiker ist. Er, den man so oft mit Übertreibung assoziierte, beherrschte die Komik im Detail, im richtigen Handgriff und im perfekten Timing. Lässigkeit und Eleganz hat er deshalb nicht verkörpert, weil er sie immer im richtigen Augenblick verstolperte.

François Truffaut bezeichnete ihn als »ins Kino integrierten Varieté-Künstler«, da ist ihm begrifflich natürlich ein grober Schnitzer unterlaufen, als wollte er das heutige französische Sprachreinheitsgebot vorwegnehmen: Entertainer muß es richtig - und vor allem amerikanisch - heißen. Jerry Lewis ist nicht allein die Parodie dieses uramerikanischen Künstlertypen, er ist vielmehr dessen komische Vollendung. Vom Kartenabreißer zum Komiker - diesen seinen wirklichen Lebensweg hat der am 16.3.1926 in Newark, New Jersey geborene Lewis auch in seinen Filmen immer wieder durchgespielt, etwa im Bürotrottel, seiner dritten Eigenregie von 1961. Er war Sidekick von Dean Martin, der Tolpatsch und Prügelknabe (1952) an der Seite des trinkenden Frauenschwarms, bevor sich das Duo 1956 nach zehn Jahren und 16 Filmen trennte.

Noch zusammen mit Dean Martin drehte Lewis 1955 seinen ersten Film unter der Regie von Frank Tashlin, Maler und Mädchen, wo er sich als menschgewordene Comicfigur präsentierte. Jerry Lewis war der ideale Darsteller in Tashlins Komödien, die immer wieder mit gängigen Formen der amerikanischen Populärkultur spielten und in ihrer grellen Überzeichnung den Mainstream unterwanderten - um damit freilich nur noch bessere Unterhaltung hervorzubringen. Ob Hollywood (Alles für Anita, 1956) oder die glitzernde Welt der Werbung (Der Ladenhüter, 1962) - immer scheinen in Lewis' Verrenkungen und Tashlins Übertreibungen die Derformationen des modernen Amerika zur Kenntlichkeit entstellt, auch wenn das fällige Happy End versöhnlich ausfällt. Besonders sehenswert macht die Filme Frank Tashlins auch der sichere Einsatz von Farben - selten sind Autos so grell, Taxen so gelb, Swimmingpools so blau gewesen - eine Virtuosität, wie sie in der Allgegenwart von Buntfernsehen heute höchstens noch von Almodóvar erreicht wird.

Ein vielleicht weniger populärer, aber ebenso beispielhafter Beleg für die parodistische Kunst Tashlins und Lewis' ist in Aschenblödel zu sehen. Hier wird eines der bekanntesten Märchen zur Travestie: Jerry ist der bedauernswerte Stiefsohn, der die Demütigungen seiner bösen Stiefmutter und der hochnäsigen Brüder zu ertragen hat, und Ed Wynn (bekannt als Onkel Albert aus Mary Poppins) gibt die gute Fee als alkoholisierten Zwerg mit roter Pappnase. Besonders schön und hintersinnig ist das Happy End: Der Festball wird zur Show, und Jerry darf mit unnachahmlich souverän-schlacksigen Schritten die große Treppe, diesen Laufsteg der Entertainment-Götter, genußvoll hinabsteigen, Bandleader-Legende Count Basie spielt die Musik dazu. Chapeau! 1970-01-01 01:00
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