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Der Stadtneurotiker

Annie Hall. USA 1977. R,B: Woody Allen. K: Gordon Willis. S: Wendy Greene Bricmont, Ralph Rosenblum. P: United Artists. D: Woody Allen, Diane Keaton, Tony Roberts, Carol Kane, Paul Simon u.a.
93 Min. United Artists ab 9.7.77

Tanderadei

Von Martin Thomson Ab einem gewissen Punkt macht jeder Komiker mal auf ernst, und in den meisten Fällen sind dann Publikum und Kritik vom Ergebnis gleichermaßen beeindruckt. Das Staunen über die Ambition der Komödienfachleute, auch in ernsten Rollen eine gute Figur zu machen, ist im Grunde nur ein aufgesetztes Erstaunen, das aufzeigen soll, wie weit es dem Künstler gelungen ist, die vermeintlich weltfremden Albernheiten zu überwinden, die sein Schaffen zuvor geprägt haben. In Wahrheit aber weisen die beiden getrennt gedachten Disziplinen mehr noch, als daß sie sich bedingen, eine geringe Distanz zueinander auf. Insofern besitzt wahrscheinlich jeder Komiker die Kompetenz, ernsthaft zu sein.

Keinem zeitgenössischen Filmemacher ist es auf so treffende Weise gelungen menschliche Beziehungen zwischen Entstehung und Auflösung als große Metapher für die dahinter liegenden existentialistischen Probleme der Welt zu begreifen wie Woody Allen; und keiner versteht es, aus der geringen Distanz und der sich daraus ergebenden Reibung von Freude und Leid dem Individuum in der urbanen Moderne ein derart einfühlsames Antlitz zu verleihen. Glück ist in Allens Filmen durchaus vorhanden, aber es scheint innerhalb einer gemeinhin tragisch wahrgenommenen Welt eine dermaßen unbegreifliche Angelegenheit, daß seine Figuren sie weder zu begreifen, geschweige denn zu verwirklichen in der Lage sind.

Nach Die letzte Nacht des Boris Gruschenko, in dem er bereits seine Pointen um selbstzweiflerische Monologe baute, die um den Tod kreisten, begann Allen mit Der Stadtneurotiker jenen Stil zu entwickeln, der sein späteres Schaffen nachhaltig prägen würde; auf den ihn seine Kritiker aber von da an ständig reduzieren sollten. Seine teils weinerliche, teils gewitzte, meist von ihm, aber auch später von anderen Akteuren vorgetragene Kunstfigur des neurotischen Städters mit Hang zur Depression war zwar schon in seinen Vorgängerfilmen angelegt und machte sicher auch den spezifischen Reiz seiner frühen Bühnenauftritte aus. Aber nichtsdestotrotz war Der Stadtneurotiker, jenseits der vorausgegangenen Fingerübungen, aufregend anders, und das nicht nur hinsichtlich der künstlerischen Entwicklung seines Auteurs sondern auch im Bezug zur amerikanischen Filmgeschichte, die bis dato keinen vergleichbar europäischen Filmemacher vorzuweisen hatte. Nicht zuletzt die vierfache Würdigung bei der Oscarverleihung 1977, der Allen bezeichnenderweise nicht mal beiwohnte, beweist, daß sich mit anspruchsvollen und vor allen Dingen persönlichen Filmen Erfolg erzielen lassen konnte; und dennoch: seine so europäisch anmutende Tragikomödie ist im Grunde so amerikanisch wie Truffauts Schießen Sie auf den Pianisten trotz seiner europäischen Herkunft im Herzen amerikanisch ist, weil sie alles andere als realistisch und damit fast schon wieder dem Hollywoodkino zugeneigt ist. Das Spannende an Der Stadtneurotiker ist jedoch, daß sich der Film seiner Existenz als Film und damit seiner Existenz als künstliches Medium in jeder Minute bewußt zu sein scheint und gerade deswegen so selbstreflexiv anmutet wie etwa Godards Außer Atem. Ob Zeichentricksequenzen oder Rückblenden, in denen sein Protagonist Alvy Singer wie selbstverständlich durch die Umgebung seiner Kindheit spaziert und seine Figur, mehr noch als sich selbst, immer als filmische Figur hinterfragt.

In einer Szene wird das von Allen sehr treffend veranschaulicht: Als ein in der Kinoschlange Wartender selbstgefällig in hochgestochener Fachterminologie über Fellini monologisiert und einen namhaften Filmkritiker zitiert um seine Begleitung zu beeindrucken, holt Singer den falsch zitierten Urheber des Zitats hinter einer Plakatwand hervor und belehrt ihm eines besseren, nur um letztendlich etwas bitter feststellen zu müssen, daß Derartiges in Wirklichkeit nicht möglich wäre.

Woody Allen erweist sich mit Der Stadtneurotiker jedoch nicht nur in formaler Hinsicht als Meister darin, das fatale Verhältnis zwischen Kunst und Wirklichkeit aufzuzeigen, er stellt darüber hinaus auch sein Talent unter Beweis, auf inhaltlicher Ebene eine Nähe zum Zuschauer zu erzeugen, die zu gleichen Teilen herzerwärmend und intellektuell anregend ist. Vor allem die Authentizität seiner Drehbucharbeit, das heißt seiner Dialoge und die Art und Weise, wie er sie für seine Schauspieler begehbar macht, um sie auf formaler Ebene zu brechen, machen das veritable Genie Allens aus, das hier erstmals in seiner ganzen Fülle sicht- und spürbar wird. Vermutlich hat sich ein Komiker nie weiter von der Komödie weg bewegt, aber wahrscheinlich hat sie auch keiner so sehr zum Mittelpunkt seiner Tragödien gemacht wie Woody Allen. 1970-01-01 01:00
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