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Die Bankiersfrau

La Banquiere. F 1980. R,B: Francis Girod. B: Georges Conchon. K: Bernard Zitzermann. S: Geneviève Winding. M: Ennio Morricone. D: Romy Schneider, Jean-Louis Trintignant, Jean-Claude Brialy, Claude Brasseur, Daniel Auteuil u.a.
124 Min. Tobis ab 10.4.81

Salondrama mit Esprit – und einer umwerfenden Romy Schneider

Von Natalie Lettenewitsch Allein die ersten fünf Minuten schon sind es wert, und das nicht nur weil sich Romy Schneider mit einer anderen Dame im Bett vergnügt. Exposition im Slapstick-Tempo: ein Mix aus Fotographien, die in Bewegung geraten, Zwischentiteln, langsame Einzelbilder, schnelle Einschübe, Originalaufnahmen: ein zappeliger Charleston, Verlangsamung, Übergang von s/w zu Farbe.

Paris, Zwanziger Jahre, »Tanz auf dem Vulkan«. Die wahre oder halbwahre Geschichte der Marthe Hanau alias Emma Eckhert: Ein weiblicher Robin Hood aus der Bourgeoisie, eine Hutmacherstochter, die den Marsch durch die kapitalistischen Institutionen antrat und es bis zur Bankchefin brachte, um von dieser Machtposition aus den »kleinen Mann« am großen Geld teilhaben zu lassen – durch ungewöhnlich hohe Zinsauszahlungen, und schließlich auch Unterstützung der politischen Linken. Das macht sie populär wie Evita, desto verhasster bei den bösen alten Patriarchen der etablierten Großbanken. Und so: Erpressung mit delikaten Details aus ihrem bisexuellen Privatleben, Vorwurf von Aktienmanipulation und Betrug, Prozeß, Frauengefängnis. Aufstieg und Fall eben. Es darf dekorativ gelitten und großartig gestorben werden. Unklarheiten über die finanziellen Transaktionen und politischen Intrigen, die da vor sich gehen? Macht nichts, es sieht alles sehr schön aus, möge man dem – sträflich ignorant, aber genießerisch – entgegenhalten.

Die Bankiersfrau ist ganz auf Romy Schneider zugeschnitten, lässt sie vor schmucken Kulissen in variantenreicher Nobelgarderobe aufmarschieren, mal mit Federhut, mal onduliert im Smoking. Und doch: Statt nur statisch engelhaft auf Bettkanten oder an Swimmingpools zu sitzen und schön auszusehen, wirkt sie gelöst wie selten und zugleich ungeheuer energisch. Voller Selbstbewußtsein und Coolness, Idealismus und Emotionalität andererseits. Neben ihr brillieren Jean-Louis Trintignant, Claude Brasseur und, in einem kleinen Part: der junge Daniel Auteuil. Scharfzüngige Dialoge, absurde Zwischenspiele, und immer wieder: die pseudodokumentarische Integration von Zeitungsschlagzeilen und nachgestellten Wochenschauen. Mehr als die luxuriöse Ausstattung ist es die humorvolle Inszenierung und die originelle Montage, die den Weg zum taschentuchintensiven Finale versüßen – und über allem die grandiose Musik von Ennio Morricone, mal leicht und schwungvoll, mal melodramenschwer. Eine feinsinnige, detailverliebte Regiearbeit, die vor Ironie strotzt und doch die große Tragik nicht scheut; ein Film der – in etwas dekadent zugespitzter Form – alles bietet, was das französische Kino so schön macht, für das Romy Schneider in ihrer besten Karrierephase steht. 1970-01-01 01:00
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