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Blue Velvet

USA 1986. R,B: David Lynch. K: Frederick Elmes. S: Duwayne Dunham. M: Angelo Badalamenti. P: De Laurentis. D: Kyle MacLachlan, Isabella Rossellini, Dennis Hopper, Laura Dern, Dean Stockwell u.a.
120 Min. Alamonde ab 12.2.97

Nicht von dieser Welt

Von Daniel Bickermann »I don't know if you're a detective or a pervert«, stellt Sandy, die Dorfschönheit im amerikanischen Holzfällernest Lumberton, fest. Jeffrey, der schweigsame Junge, den sie meint, antwortet mit einem vieldeutigen Lächeln: »That's for me to know and for you to find out.« An diesem Punkt ist man als Zuschauer schon viel zu verstrickt in David Lynchs meisterhaftem Netz aus Voyeurismus und Gewalt, als daß man sich noch losreißen könnte, als daß man dem jungen Jeffrey nicht folgen würde bei seinem nächtlichen Einbruch in das Appartement der Sängerin Dorothy Vallens, wo er Unbeschreibliches mitansehen wird. Man wurde schon zu tief hineingezogen von der geheimnisvollen Musik der Untertöne, die Angelo Badalamenti ausbreitet, und von der eigenwilligen Farb- und Lichtdramaturgie eines jungen Meisterregisseurs. Man kann nichts anderes mehr tun, als zusehen – und sich nun selbst fragen, ob man wohl ein Detektiv ist oder ein Perverser. Jedes große Topos des vielinterpretierten Phantasten David Lynch ist in diesem Werk vorgezeichnet und jedes verdient immer wieder meine Bewunderung. Dennis Hopper als ebenso faszinierender wie brutaler Schreckensmann Frank, aus dessen Mund einige der grandiosesten Flüche und Beschimpfungen der jüngeren Filmgeschichte kommen, steht ebenso prototypisch für einen klassischen Figurentypus Lynchs wie Isabella Rossellini als Dorothy ein Vorgriff ist auf Laura Palmer und all jene mißhandelten Frauen, die bei Lynch immer gleichzeitig Hure sind und Heilige, die oszillieren zwischen Opfertum und Wollust. In Kyle MacLachlan alias Jeffrey wächst diesen so abstrusen Elternfiguren ein ebenbürtiger Sohn, ein perverser Detektiv oder ein detektivischer Perverser, der uns Zuschauer mit hinabnimmt in die Untiefen von Lynchtown, wo die Helden hilflos sind und die Bösewichte nicht von dieser Welt scheinen. Wo die Angeschossenen bewegungslos herumstehen, wo hinter jeder Fassade ein Abgrund lauert und wo die Dialoge alles zu sagen scheinen und gleichzeitig auch nichts. Eine Welt voll skurriler Drogen, wehender Vorhänge, swingender Bordellbesitzer und abgetrennter Ohren.

Im Gegensatz zu einigen neueren Filmen Lynchs wie Mulholland Drive oder Lost Highway folgt Blue Velvet durchaus noch einer nachvollziehbaren narrativen Struktur, komplett mit Liebesgeschichte und Showdown. Die Eigenheiten des Regisseurs – plötzlich verschwindende Figuren, die halluzinöse Verwendung der Musik (vor allem von Bobby Vintons Titelsong und Roy Orbisons »In Dreams«) – bleiben hier auf der audiovisuellen Ebene, anstatt als Bausteine der Erzählstruktur eingesetzt zu werden. Dazu kommt noch eine gute Portion halb-ironischer Kitsch, ein immer wieder überraschender Humor und eine befremdlich-bedrohliche Atmosphäre, alles dem Lynch-Liebhaber wohlbekannt, aber man muß es noch einmal mitansehen, um sich in Erinnerung zu rufen, wie wirkungsvoll, mächtig und originell diese Welt gestaltet ist. Für alle, die noch nicht mit dem filmischen Werk des David Lynch vertraut sind, ist es der perfekte Einstieg. Und für den Liebhaber ist es eine markante Erinnerung, warum er Liebhaber geworden ist. 1970-01-01 01:00

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